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Interview: Führen in Teilzeit | #NewWork | #Teilzeit

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Führen in TZManuela ist schwanger, macht jetzt drei Monate Pause, um ihr zweites Kind zu bekommen und kehrt dann wieder an ihren Arbeitsplatz zurück – Home-Office und Zeitmanagement inklusive. Das allein wäre keine Nachricht wert, denn das passiert in Deutschland täglich in vielen Familien. Eine Nachricht wird daraus, wenn Manuela mit Nachnamen Schwesig heißt und keinen typischen Bürojob hat, sondern als Ministerin eines der höchsten Führungsämter in der Politik bekleidet. „Führen in Teilzeit“ – geht das überhaupt? Ja, offensichtlich geht es – warum auch nicht?! Brigitte Abrell hat darüber sogar ein Buch geschrieben und gibt in diesem Interview ein paar Tipps, wie „Führen in Teilzeit“ nicht nur für Frau Schwesig, sondern auch für andere Mütter mit Karriere-Ambitionen Realität werden kann.

NAME: Brigitte Abrell
BERUF: Leiterin Servicezentrum
Meine Webseite: www.abrell-coaching.de und www.fuehreninteilzeit.com

Frau Abrell, Sie haben ein Buch geschrieben über „Führen in Teilzeit“ und Ihre Botschaft lautet: Führen in Teilzeit ist möglich. Welche Voraussetzungen sollten Unternehmen dafür schaffen, dass Ihre Aussage zutrifft?
Wichtigste Voraussetzung ist die Offenheit der Unternehmensleitung für ein solches Arbeitszeitmodell. Alle Beteiligten im Unternehmen sollten wissen, dass Teilzeit grundsätzlich auch bei Führungskräften erlaubt ist und die Möglichkeiten zur deren Realisierung ausgeschöpft werden. Wird die Arbeitszeit einer Führungskraft verkürzt, muss gleichzeitig auch der Umfang ihrer Tätigkeiten im Verhältnis zur neuen Arbeitszeit reduziert werden, soll das Modell Aussicht auf Erfolg haben. Aufgaben sind neu zu verteilen und im Bedarfsfall organisatorische Abläufe und Terminvorgaben an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Finden beispielsweise Meetings zu Zeiten statt, an denen auch die Führungskraft in Teilzeit teilnehmen kann? Das erfordert im Unternehmen die Bereitschaft für die notwendigen Veränderungen. Führen in Teilzeit wird vor allem dann akzeptiert, wenn es messbare Parameter für Leistung gibt und Anwesenheit nicht länger mit Engagement gleichgesetzt wird. Dies gilt es im Unternehmen klar zu kommunizieren.

Sie selbst sind seit mehr als 20 Jahren Führungskraft – seit 2003 in Teilzeit. Wie sieht ein typischer Teilzeit-Arbeitstag von Ihnen aus?
Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Ich bereite das Frühstück für uns zu, dann fahre ich meinen Sohn zur Schule und bin selbst um 7.45 Uhr im Büro. Meine Arbeitszeit ist kurz, deshalb muss ich sie möglichst effektiv nutzen. Ich sortiere deshalb konsequent jeden Morgen alle anstehenden Arbeiten nach Fälligkeit und Relevanz, damit am Ende des Tages die wesentlichen Aufgaben erledigt sind. Viel Luft bleibt da nicht, aber mittags gehe ich regelmäßig zum Essen außer Haus.
Um 16 Uhr mache ich pünktlich Schluss und hole meinen Sohn aus der Nachmittagsbetreuung seiner Schule ab. Zum Glück haben wir nur einen kurzen Fahrweg und sind um 16.30 Uhr zuhause. Seine Hausaufgaben hat mein Sohn dann schon gemacht, aber ich helfe ihm noch bei den Vorbereitungen für den Unterricht am nächsten Tag. Zweimal die Woche fahre ich ihn zum Fußballtraining, erledige abends noch Hausarbeiten oder koche. An den meisten Tagen ist spätestens um 20 Uhr alle Arbeit getan und ich habe Freizeit. Jeden Mittwoch holt sein Vater unseren Sohn von der Schule ab. Diesen Tag nutze ich, um länger zu arbeiten, anschließend steht Sport auf meinem Programm. Auf meinen Wunsch hin sind bei uns im Büro auch die Meetings auf den Mittwoch verlegt worden. Freitags habe ich frei und damit Zeit für Sport, Einkaufen oder Sonstiges und verbringe den Nachmittag mit meinen Sohn. Als Führungskraft muss ich immer wieder berufliche Termine wahrnehmen, die von der eingespielten Routine abweichen und flexibel organisiert werden müssen. Um solche Situationen privat überbrücken zu können, habe ich mir ein Netzwerk aus Helfern aufgebaut und mein Kind früh zur Selbständigkeit erzogen.

Wie haben Sie Ihrem Arbeitgeber „verkauft“, dass Sie in Teilzeit führen möchten?
Ich war schon lange im Unternehmen beschäftigt, hatte aber gerade erst die Leitung einer Filiale übernommen, als ich schwanger wurde. Mein Arbeitsplatz konnte nicht lange unbesetzt bleiben. Deshalb habe ich meinem Arbeitgeber vorgeschlagen, schon nach sechs Monaten mit 60 % Teilzeit aus der Elternzeit zurück zu kehren und nach weiteren vier Monaten meine Arbeitszeit dauerhaft auf 80 % zu erhöhen. Für die relativ kurze Überbrückungszeit konnte meine Stellvertreterin meine Aufgaben übernehmen und mich auch anschließend entlasten. Da mein Arbeitgeber die Auffassung vertritt, dass auch Frauen gefördert werden sollen, wurde mein Angebot angenommen und ich konnte meine Vorstellungen realisieren.

Hat sich Ihre Mitarbeiterführung geändert, als Sie von Vollzeit auf Teilzeit gewechselt haben? Was machen Sie heute anders?
Ich bin aufmerksamer gegenüber den Wünschen meiner Mitarbeiter nach Flexibilität und schöpfe alle Möglichkeiten aus, um ihnen zu entsprechen. Ein späterer Arbeitsbeginn, ein früheres Arbeitsende, Unterbrechungen während des Tages oder freie Tag sind nach entsprechender Absprache mit den anderen Kollegen oft möglich. Auch Anträge auf Teilzeit beurteile ich grundsätzlich wohlwollend, verlange aber auch von den Mitarbeitern flexibles Denken. Es können nicht Alle von 8-12 Uhr arbeiten.

Welche Fettnäpfchen sollten Führungskräfte in Teilzeit unbedingt vermeiden?
Führungskräfte in Teilzeit haben keine Sonderrechte! Sie haben im Gegensatz zu den Kollegen lediglich eine kürzere Arbeitszeit und erhalten dafür auch weniger Gehalt. Ansonsten gelten die gleichen Rechten und Pflichten wie für alle Anderen. Sie sollten sich dessen bewusst sein und sich beispielsweise auch in Teilzeit anteilig an Gemeinschaftsaufgaben beteiligen.

Und was sollten sie unbedingt beachten?
Jeder in Ihrem Umfeld muss informiert sein und wissen, wann sie im Büro anwesend sind und wer für welche Aufgaben zuständig ist. Sie sollten eine zuverlässige Stellvertretung auswählen, die sie in ihrer Abwesenheit vertritt und sie in allen relevanten Angelegenheiten auf dem Laufenden halten. Erfahrungsgemäß lässt sich auch bei bester Organisation eine gewisse Arbeitsverdichtung in Teilzeit nicht vermeiden und sie werden weniger Zeit für Kommunikation haben. Deshalb ist es umso wichtiger, dass sie immer wieder aktiv das Gespräch mit ihren Kollegen suchen, um an alle erforderlichen Informationen zu gelangen und ins Team eingebunden zu bleiben. Und noch ein wichtiger Punkt: Nach der Umgewöhnungsphase sollte sie Ihre neue Arbeitszeit auch einhalten und pünktlich Schluss machen, um nicht für weniger Gehalt gleich viel zu arbeiten wie vorher. Dafür benötigen sie eine gehörige Portion Selbstdisziplin, denn es bleibt immer etwas liegen. Letztendlich profitieren Alle davon, wenn ihr Modell erfolgreich funktioniert.

Für viele ist Teilzeit eine Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Für viele endet diese Doppelbelastung in Stress und Überforderung. Nennen Sie uns zum Abschluss bitte die aus Ihrer Sicht wichtigsten drei Tipps, um genau das zu vermeiden.
Erstens: Setzen Sie konsequent Prioritäten und lassen Sie Unwichtiges weg! Im Beruf genauso wie im Privatleben. Es gibt in beiden Bereichen immer mehr zu tun, als Zeit zur Verfügung steht. Da hilft nur, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das zuerst zu erledigen. Wer zehn Minuten vor Feierabend noch eine wichtige Aufgabe unerledigt auf dem Schreibtisch liegen hat, gerät in Stress. Auch wer privat von einem Termin zum nächsten hetzt, weil er sich zu viele Pflichten aufgeladen hat, wird ausbrennen. Das volle Programm in beiden Bereichen ist nicht zu schaffen, das Wesentliche sehr wohl!

Zweitens: Lassen Sie sich helfen! Sie können nicht alles alleine machen und dazu noch perfekt. Delegieren Sie Tätigkeiten im Beruf, wann immer es Ihnen sinnvoll erscheint. Binden Sie in die häuslichen Arbeiten alle Familienangehörigen, auch die Kinder mit ein und nehmen Sie dabei in Kauf, dass die Aufgaben vielleicht nicht genauso erledigt werden, wie Sie selbst es könnten. Besorgen Sie sich zusätzlich möglichst viele externe Helfer: etwa für den Hausputz, die Bügelwäsche, den Garten und die Steuererklärung. Das verschafft Ihnen freie Zeit, die Sie beispielsweise mit der Familie verbringen können.

Drittens: Achten Sie unbedingt auf Ihre eigenen Bedürfnisse! Wie im Flugzeug müssen Sie sich zuerst selbst die Rettungsmaske aufsetzen, damit Sie anderen helfen können. Niemandem nützt es, wenn Sie nur an die Arbeit, die Kollegen, die Kinder oder ihre privaten Pflichten denken. Langfristig gesehen überfordern Sie sich damit und schaden Ihrer Lebensfreude, Ihrer Gesundheit und Ihrer Leistungsfähigkeit. Planen Sie daher regelmäßig Zeit für die Dinge ein, die Ihnen guttun und die Ihnen Kraft geben. Dann werden Sie auch die zweifellos vorhandenen Vorteile dieses Lebensmodells genießen können: Wenn Sie einen anspruchsvollen Beruf mit einem ausgefüllten Familienleben vereinbaren können, ist Ihr Leben zwar manchmal anstrengend, aber auch vielfältiger und reicher, als wenn Sie nur in einem Bereich präsent sind. Deshalb lohnt es sich darüber nachzudenken, ob Führen in Teilzeit nicht auch für Sie selbst ein attraktives Lebensmodell ist.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen ein Schlagwort und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Karriere: Für mich eine Möglichkeit, einer interessanten Tätigkeit nachzugehen und dabei gutes Geld zu verdienen!
  • Führung: Verantwortung für ein Team zu übernehmen und die Ansagen zu machen!
  • Erfolg: Ein Ziel zu erreichen, das mir und anderen nützt!
  • Macht: Die Möglichkeit Einfluss zu nehmen!
  • Scheitern: Die Chance zu lernen und es künftig besser zu machen!
  • Quote: Ist erforderlich, um das Schneckentempo bei der Chancengleichheit zu beschleunigen!
  • Geld: Über die Grundsicherung hinaus: Nice to have!
  • Industrie 4.0: Veränderungen wird es immer geben, mit allen Vor- und Nachteilen. Jeder sollte für sich das Beste daraus machen!

Das Buch:

Teilzeit

Brigitte Abrell
Führen in Teilzeit

Verlag: Springer Gabler
>> Buch bestellen

 

Buch gewinnen:

Wer Interesse an dem Buch hat, kann heute ein Exemplar des Buches von Brigitte Abrell gewinnen. Der Rechtsweg ist – wie immer – ausgeschlossen.

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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