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Europas größter Karriere-Event für Frauen

Die Angst vor dem Flop abschütteln

Ein Kommentar

FlopMomentan läuft die gemeinsame Blogparade der Redenstrafferin Katja Kerschgens und der Respektspezialistin Bettina Schöbitz mit dem TitelSetz´ Dich ins Licht, die unter anderem wissen möchten, wie Frauen es auf Rednerpodien geschafft haben. Ich habe mittlerweile seit fast 20 Jahren Bühnenerfahrung. Mein erster Auftritt war zum Glück eine einzige Katastrophe und daher das Beste, was mir passieren konnte.

Meine Karriere als Rednerin begann im Alter von 19 Jahren. Ich war kurz vor dem Abitur und im Planungs-Komitee der Schülerschaft stand die Frage im Raum: „Wer hält die Abirede?“ Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, wie es kam, dass mir mit zwei anderen die Ehre zuteil wurde – ich weiß nur: Ich wollte auf die Bühne, denn in mir brodelte es. Der Frust der letzten zwei Abijahre und das Gefühl einer völlig sinnlos erscheinenden Schullaufbahn der totalen Unterforderung wollte artikuliert werden. Ich sah es vor meinem inneren Auge: Ich, auf der Bühne, Arme hochgestreckt, halte eine flammende Rede die aufrüttelt, zu Veränderungen aufruft und Herzen anrührt.

Leider kam es ganz anders. In meiner noch pubertär geprägten Rebellion vergaß ich, dass das imaginäre Publikum tatsächlich vor mir sitzen würde. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag am Morgen der Abiturientenfeier. Die Nervosität, die mich daraufhin erfasste, kam wie ein Tsunami auf mich zu und war mit der Aufregung vor der mündlichen Abiturprüfung nicht zu vergleichen.

Natürlich hatte ich die Rede vorbereitet, schriftlich niedergeschrieben und mit Familie und Freunden besprochen und geübt. Doch als ich dann auf der Bühne stand, vor mir 800 Personen, ging schief, was nur schief gehen konnte:

  • Mikrofon und Rednerpult waren zu hoch für mich. Als ich anfing zu reden, waren die ersten Sätze unverständlich, Rufe erschallten aus dem Publikum „Mach das Mikro an!“ – und ich wusste nicht, wie.
  • 800 Augenpaare (erwartungsvoll) auf einen gerichtet ist eine Erfahrung der besonderen Art. Ich fokussierte mich auf die Reihe vor mir, die dahinter, erkannte bekannte Gesichter – und erbleichte innerlich und äußerlich.
  • Ich bekam Angst vor meiner eigenen Courage. Meine Hände zitterten und was noch viel schlimmer war, meine Beine auch. Ich brauchte also meine zitternden Hände, um mich am Rednerpult festzuklammern, denn wer schon mal schlotternde Knie gehabt hat weiß, der Stand ist nicht besonders sicher. Mein Dilemma war entsetzlich: Um die Rede vorzulesen, musste ich Seiten blättern. Um Seiten blättern zu können, hätte ich meinen Verzweiflungsgriff vom Rednerpult lösen müssen. Das ging jedoch nicht – wegen der schlotternden Knie…
  • Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich das Phänomen einer brüchigen Stimme nicht – ab danach schon. Ich, die gemeinhin zu einer klaren Artikulation fähig war, brachte zwischendurch nur noch kieksende Töne hervor und die durch meine Aufregung hervorgerufene Schnappatmung nahm meiner Stimme noch dazu jedes Volumen. Den wohlformulierten Worten auf dem Papier fehlte jede Überzeugungskraft.

Lange Rede kurzer Sinn: Die flammende Ansprache endete in einer einzigen Katastrophe und ich schämte mich in Grund und Boden – währenddessen und danach. Es hat tatsächlich einige Jahre gedauert, bis dieses Gefühl der Scham einem Gefühl der Erheiterung weichen konnte. Heute kann ich über diese Momente herzhaft lachen und bin dankbar, denn es war die beste Lernsituation, die ich mir je hätte wünschen können.

Warum? Nun, ich stand nach diesem öffentlichen Desaster vor genau zwei Möglichkeiten:

  1. Einmal und nie wieder.
    Ich kehre der Bühne für immer den Rücken und halte mich schön im Hintergrund.
  2. Jetzt erst recht.
    Ganz nach dem Motto des Terminators „I’ll be back“ komme ich wieder und zeige, dass ich es doch kann.

Ich habe mich für Option Nummer zwei entschieden. Mein Ehrgefühl ließ es nicht zu, dass ich mich in der Ecke verkrieche und bis ans Ende meines Lebens Wunden lecke, von denen ich damals schon ahnte, dass sie verheilen würden. Außerdem wusste ich, dass ich es konnte – und ich hatte den unbedingten Willen, eine solche Schmach niemals wieder erleben zu wollen.

Was also tat ich?

  • Ich schulte mich selbst durch Beobachtung anderer.
    Während meiner Zeit an der Universität hatte ich das fragwürdige Vergnügen, meinen Professoren zuzuhören und zu erkennen: So geht’s auch nicht!
  • Ich nutzte Gelegenheiten.
    Ich machte zaghafte Gehversuche schon während der Studienzeit und suchte mir Seminare, in denen die Präsentation einer Hausarbeit gefordert wurde. Ich arbeitete auf Messen und in einem Marktforschungsinstitut in Hannover. Beide Jobs zwangen mich immer wieder aus meiner Komfortzone. Ich musste auf wildfremde Menschen zugehen und sie überzeugen.
  • Ich sprang ins kalte Wasser.
    Als ich mich mit 25 Jahren selbständig machte und wir bundesweit Karriere-Messen veranstalteten, sagte uns eines Tages von eben auf jetzt ein Kooperationspartner ab, der bis dato auf unseren damaligen Events Bewerbungsvorträge hielt. Ich hatte einige Male „quer gehört“ und eine ungefähre Ahnung von den Inhalten. Also beschloss ich, selbst einen Vortrag auszuarbeiten. Auf der nächsten Messe stand ich auf der Bühne.
  • Ich wurde sicherer.
    Bei dem einen Vortrag blieb es nicht. Da dieses Mal die Feuertaufe geglückt war, konnte ich mein Mini-Trauma der Abiturfeier endgültig hinter mir lassen. Ich baute in sehr kurzer Zeit unser Vortragsprogramm aus und wir deckten innerhalb weniger Wochen das gesamte Spektrum der Karrierethemen selbst ab. Dadurch konnten wir nicht nur die Qualität unserer Messen anheben, sondern wir waren inhaltlich unabhängig in der Themengestaltung. An einem Messetag hielt ich von da an zwischen 6 und 8 Vorträgen hintereinander. Bei 20 Messen pro Jahr und insgesamt 111 veranstalteten Karriere-Events kamen so in kurzer Zeit hunderte von Rednerinnen-Auftritten zusammen.
  • Ich wurde sichtbar.
    Die Folge dieser Marathon-Auftritte war nicht nur die zunehmende Sicherheit – ich wurde zusätzlich auch sichtbar. Bei einigen Veranstaltungen hörten mir Vertreterinnen und Vertreter von CareerCentern zu, die mich später einluden, an deren Hochschulen Vorträge zu halten. Durch diese Vorträge wuchs meine Referenzliste und mein Wirkungskreis. Parallel fing ich an, Karriereartikel zu veröffentlichen. Erst auf unseren eigenen Webseiten, später in Karrierepublikationen und dann auf eigenen Blogs. Ich schreibe bis heute – nicht nur eigene Bücher, sondern auch Kolumnen für Fachmagazine, Blog- und Fachartikel.
  • Nicht nur offline, sondern auch online.
    Seit 2009 bieten wir kostenfreie Webinare über verschiedene Plattformen an. Wir waren einer der ersten Anbieter, die – mit einer damals noch sehr rudimentären Technologie – die Inhalte online zur Verfügung stellten. Ich habe seit dieser Zeit ca. 180 Webinare mit fast 4.000 Zuhörerinnen und Zuhörern selbst moderiert. Der riesige Lerneffekt der Webinare: Die Stimme muss überzeugen. Ich schalte mich nie per Video in den Webinarraum ein, sondern bin nur über den Audiokanal zu hören. Damit die Teilnehmenden „bei der Stange“ bleiben, ist eine lebhafte und klangvolle Stimme wichtig. Über die Jahre habe ich gelernt, mit meiner Stimme zu kommunizieren. Das kommt mir auch offline zugute.
  • Ich diversifizierte mein Angebot.
    Ich fing früh an, mich zu diversifizieren und an einem unverwechselbaren Profil zu arbeiten. Futability® ist heute nicht nur ein 350-Seiten-Buch, sondern auch eine Wortmarke die mir gehört, die ich mit Leben füllen kann – und die mir Einzigartigkeit gibt. Wer am Thema Veränderung und Transformation interessiert ist, kann Referentinnen und Referenten für Veränderung und Transformation beauftragen – oder er kann die Futability®-Expertin buchen. Entscheiden Sie selbst, was Sie neugieriger macht.
  • Ich orientiere mich an männlichen Rednern.
    Es gibt immer noch wenige Frauen, die als Keynote-Speakerinnen sichtbar sind und sich in der Keynote-Speaker-Welt tummeln. Die meisten Wirtschafts-Podien sind mit Männern besetzt. Ihnen wird die Kompetenz unterstellt, während Frauen sie erst beweisen müssen und daher bekommen sie häufig die höheren Honorare. Deswegen schaue ich vor allem auf die männliche Redner-Fraktion – und lerne…
  • Ich verhandle.
    Wer als Rednerin ernst genommen werden will, muss mit Themen überzeugen, ein gesundes Rückgrat haben – und klug verhandeln. Ich habe eine innere Honorar-Schmerzgrenze und eine klare Wertehaltung. Habe ich das Gefühl, mich unter Wert zu verkaufen, lehne ich Aufträge ab – oder verhandle so lange, bis für beide Seite eine Win-Win-Situation entsteht, die beiden Spaß macht.
  • Ich springe immer noch.
    Nach wie vor gibt es Situationen, die mich herausfordern. Vor einigen Monaten reisten wir nach Tokio und besuchten die Erfinder der PechaKucha-Nights. Dieses japanische Vortragsformat ist hochgradig herausfordernd, denn als Speaker hat man nur 20 Folien zur Verfügung und pro Folie nur 20 Sekunden Zeit. Mein Mann und ich veranstalten die PechaKucha-Nights in Bonn und hatten nun die einmalige Chance, die Macher in Tokio kennenzulernen. Mit uns waren dort weitere Veranstalter aus 26 Städten weltweit. Auf einer eigens für uns Weitereiste organisierter PechaKucha-Night in Tokio sollten wir die PechaKucha-Nights Bonn präsentieren. Auf Englisch. Vor 200 Japanerinnen und Japanern. Es war ein grandioser, fulminanter, unvergesslicher Sprung.

Ich habe heute als Rednerin und Referentin fast 20 Jahre Erfahrung, Hunderte von Vorträgen und Webinaren gehalten und an die 100 Workshops und Seminare gegeben. Bühnenangst habe ich heute nicht mehr. Auch die Angst vor Flops habe ich abgelegt, denn eine weitere wichtige Lektion habe ich gelernt:

Mit Humor und Selbstironie lässt sich (fast) jede Situation meistern.

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

Ein Kommentar zu “Die Angst vor dem Flop abschütteln

  1. Pingback: Blogparade: Setz´ Dich ins Licht - nur die 1. Reihe kommt auf die Bühne - Respektspezialistin | Bettina SchöbitzRespektspezialistin | Bettina Schöbitz

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