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(Blogbeitrag von UNIGLOBALE) Solche Bemerkungen musste sich Inga Miadowicz [23] während ihres Informatik-Studiums anhören. Sie ging trotzdem ihren Weg und arbeitet heute als Softwareentwicklerin bei SAP.

Inga Miadowicz besuchte in Düsseldorf ein Gymnasium mit musisch-künstlerischem Profil. Doch als sie sich in der achten Klasse für ein Wahlfach entscheiden sollte, überlegte sie nicht lange. Sie wählte Informatik. »Ich hatte vorher schon an meinem Computer zu Hause Videos gebastelt und mich an Webseiten versucht«, sagt die 23-Jährige heute. Das habe ihr schlicht Spaß gemacht, sie wollte mehr. Als eines von vier Mädchen lernte sie ein einfaches Malprogramm zu entwickeln.

Zuhause begann Inga, Webseiten zu programmieren, und suchte sich Praktika, wenn sie Herausforderungen brauchte. Zum Beispiel in der IT-Abteilung von Aldi Süd, wo sie Workflows automatisierte und somit half, den Papierkram der Mitarbeiter zu erleichtern. Ehe sie sich versah, bot ihr das Unternehmen einen dualen Studienplatz an. Dass sie eine Frau war, spielte keine Rolle. »Klar, es war schon immer so, dass sich weniger Frauen für Informatik interessierten«, sagt Inga, »doch mir persönlich ist erst im Studium aufgefallen, dass ich in der Minderheit war.«

Skepsis, sogar bei Professoren

Diese Erkenntnis holte sie gleich nach ihrer allerersten Vorlesung ein. In der Mensa setzten sich einige Kommilitonen und eine Kommilitonin zusammen, um über die Vorlesung und ihren ersten Professor zu resümieren. Inga war nicht mit allem zufrieden. Prompt entgegnete ihr ein Mitstreiter: »Na du solltest dir sowieso überlegen, ob du hier richtig bist.« Fassungslos über diesen Kommentar von einem Menschen, der weder Inga als Person noch ihr fachliches Können beurteilen konnte, habe sie patzig reagiert, erinnert sie sich. »Ich bin ausgeflippt, ich glaube ich habe ihn sogar beleidigt.« Über solche Leute müsse frau drüberstehen, meint Inga rückblickend.

Anders wäre sie vermutlich auch kaum durchs Studium gekommen, denn ihr Frausein wurde dort mehrfach mit Skepsis betrachtet. »Neben Kommilitonen haben mich auch Professoren gefragt, warum ich das mache, mitten in der Vorlesung«, erzählt Inga. Auch außerhalb des Hörsaales war die Überraschung stets groß, wenn die junge Frau sagte, sie studiere Angewandte Informatik.

Unbeirrt zum Top-Job

Heute arbeitet Inga beim Softwarehersteller SAP. Dort entwickelt sie Softwares für Consumer Industries, mal sind die Kunden Supermarktketten, mal Klamottenläden. Inga soll dafür sorgen, dass geschäftliche Prozesse wie die Überweisung von Rabatten zwischen Lieferanten und Laden automatisch ablaufen. Bereits existierende SAP-Programme muss sie hin und wieder erneuern. Dazu schaut sie den Kunden mit ihrem Team bei der Benutzung der Programme in Workshops über die Schulter, findet raus, was zu kompliziert ist, wo die Benutzer Schwierigkeiten haben. Dann versucht sie eine Lösung zu entwickeln, zum Beispiel indem sie die Oberfläche eines Programms moderner, einfacher und intuitiver umsetzt.

In ihrem ersten Team fühlte sich Inga nicht wohl. Das lag auch daran, dass sie sich als Frau nicht ernst genommen fühlte. Sie löste das Problem, in dem sie sich intern ein neues Team suchte und ist heute sehr zufrieden. »Klar sprechen die Kollegen auch mal über die Frau zu Hause und was die vielleicht alles nicht kann, aber das ist doch ganz normal«, findet Inga. Denn Hand aufs Herz: So sprechen Frauen auch über Männer. Hin und wieder.

30 Männer – 4 Frauen

Aus ihrem Schuljahrgang war Kerstin Fischer [25] das einzige Mädchen, das einen technischen Studiengang wählte. Und dabei war sie nicht mal ein Mathe-Ass. Das machte offenbar aber nichts, denn die Wirtschaftsingenieurin ist beim Technologiekonzern ZF erfolgreich beruflich eingestiegen.

Als ihre erste Hochschulzusage in den Briefkasten flatterte, musste alles ganz schnell gehen. Die Hochschule wollte zügig eine Antwort haben. Wirtschaftsingenieurwesen. Sollte Kerstin Fischer den Schritt wagen und in das womöglich kalte Wasser eines technischen Studiengangs springen? »In der Schule war Mathe eigentlich nicht unbedingt meine Stärke und Physik hatte ich abgewählt«, sagt Kerstin. Heute muss sie dabei lachen. Vielleicht sollte sie lieber warten, bis der Postbote die Briefe aus den Wirtschaftswissenschaften in den Kasten warf. Doch: »Ich wusste, Wirtschaftsingenieurwesen ist eine Herausforderung, aber es war vielfältiger, denn es beinhaltete nicht nur Wirtschaft«, sagt die 25-Jährige knappe sieben Jahre später. Kerstin sagte zu.

Nervige Kommentare

Seit Kurzem arbeitet Kerstin bei ZF, einem führenden Automobilzulieferer in der Antriebs- und Fahrwerk- sowie aktiven und passiven Sicherheitstechnik. Sie kümmert sich dort um das interne Marketing für IT-Trends. Ihre Kunden sind die einzelnen Bereiche innerhalb von ZF. Kerstins macht neue Prozesse der IT-Innovationsprojekte bekannt und sorgt dafür, dass diese eingesetzt werden können. Die Projekte versuchen mittels künstlicher Intelligenz, Virtual und Augmented Reality oder auch Advanced Analytics, Abläufe in der Produktion oder an den Arbeitsplätzen zu verbessern.

Einen solchen Job konnten sich die anderen Mädchen ihres Jahrgangs beim Schulabschluss nicht vorstellen. Kerstin war die einzige, die einen technischen Studiengang wählte. Doch das Wissen, dass auf Kerstins Stundenplan auf einmal Elektrotechnik stand, löste bei Kerstins Freundinnen eher Anerkennung als Überraschung aus. In der Uni war sie als Frau nicht alleine, doch deutlich in der Unterzahl, zudem brachen einige Kommilitoninnen im Bachelor ihr Studium ab.

Im Master saßen von 34 Studierenden nur noch vier Frauen im Hörsaal. Dass sie manches Mal die einzige war, sei ihr selten bewusst gewesen. Negative Erfahrungen hat sie kaum gemacht. Nur eine Erinnerung an ein Zitat eines Profs der Steuerlehre ließ sie die Nase rümpfen. »Wenn sie heiraten, dann knallen sie ihrer Frau erst einmal den Ehevertrag hin«, habe er gesagt, als ob keine Frauen anwesend seien. Kerstin blieb entspannt. »Solche Kommentare sind anstrengend und nervig«, sagt sie, »aber gewürdigt gehören sie nicht.«

Aha-Moment durch Praxis

Kerstin sei sich anfangs auch manchmal unsicher gewesen, denn Bereiche wie Elektrotechnik begeisterten sie nicht sonderlich. Dann begann das vierte Semester, Kerstins Praxissemester. »Und da wusste ich es: Ich bin hier genau richtig.« Die Theorie der Vorlesung in die Praxis umsetzen, hautnah erleben, wie die Abläufe in der Produktionstechnik aussehen und welcher Job ihrer dabei ist – die junge Ingenieurin erfuhr, dass »Praxis einen ganz anderen Blick mit sich bringt.« Praxis liefert zudem andere Herausforderungen, besonders für jemanden mit Kerstins Profil: jung, weiblich, Berufseinsteigerin. »Ich musste mir erst einmal Respekt verschaffen«, erinnert sie sich. Sie habe den gestandenen Männern, die in der Produktion an den Maschinen arbeiteten, Aufgaben zuteilen sollen. Schwierig. Aber nicht unmöglich.

Kerstins Taktik: sich die Maschinen von den Männern erklären lassen, ihr Know-how wertschätzen und nutzen. »Nach vier Wochen haben die fast nur noch mich angerufen und kaum mehr meinen Betreuer«, sagt Kerstin. Dass das ihren jungen, männlichen Kollegen noch schneller gelang, registrierte sie zwar, will darauf aber nicht allzu viel geben. »Klar, eine Frau zu sein, verstärkt den Effekt, aber das ist nicht alleine der Grund, wenn etwas schwierig ist.«

Kein Bock auf Rollenklischees

Im Hörsaal saß Anna Schwabe [28] allein unter Männern und kämpfte auch später noch manchmal mit dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Heute, als Testingenieurin bei ENERCON, ist das jedoch Geschichte.

Die Schulabschlüsse junger Mädchen sind in Deutschland so gut, dass ihnen theoretisch alle Türen offenstehen. Praktisch entscheiden sich die meisten jedoch noch immer für ein »typisch weibliches« Berufsfeld. Das Statistische Bundesamt ermittelte für das Jahr 2016, dass mehr als die Hälfte der Mädchen aus nur zehn verschiedenen Ausbildungsberufen im dualen System wählt. Darunter war kein naturwissenschaftlich-technischer Studiengang. Damit Mädchen und junge Frauen in Deutschland ihre Berufsmöglichkeiten erkennen und ausschöpfen, veranstaltet der Bund den jährlichen Zukunftstag, damals noch »Girl’s day«. Die Möglichkeit einen Tag lang in vermeintliche Männerberufe zu schnuppern, nutzte auch Anna Schwabe. Sie begleitete ihren Vater, der bei der Luftwaffe der Bundeswehr tätig war. »Damit habe ich einen starken Bezug zur Technik, insbesondere zur Luftfahrt aufbauen können«, sagt die 28-Jährige rückblickend.

Dem Gefühl folgen

Erstes Interesse war geweckt, doch der Groschen fiel gegen Ende ihrer Schulzeit. Bei einem freiwilligen Praktikum an der MTU, einem deutschen Triebwerkhersteller in Hannover, erhielt Anna einen Einblick in die Prüftechnik von Triebwerken. Die Tochter eine Ingenieurin – vor allem ihr Vater sei stolz auf sie gewesen. »Meine Lehrer und auch einige Bekannte waren eher skeptisch, weil viele ihren technischen Studiengang abbrechen«, sagt Anna. »Das hat mich anfangs sehr verunsichert.« Doch Anna bemühte sich, ihrem Gefühl nachzugehen und nicht allzu viel auf Rollenklischees zu geben, und fand sich schließlich in einem Hörsaal voller Männer wieder. »Am Anfang fühlt man sich als Frau schon irgendwie etwas verloren«, so Anna. »Im Laufe des Studiums hat sich das aber geändert.« Anna fand viele männliche Studienfreunde und eine besonders gute Freundin. Benachteiligung hätten sie zunächst nicht erfahren.

Sich behaupten, aber nicht verbiegen

Umso erschrockener war Anna, als sie ihre Bachelorarbeit in einem Unternehmen der Stahlbranche schrieb. »Dort hatte ich oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, und musste mich stark behaupten«, sagt Anna. Doch sie biss sich durch und hat es geschafft. Heute arbeitet sie als Testingenieurin bei ENERCON, dem größten deutschen Hersteller von Windenergieanlagen. Sie simuliert und testet dort Rotorblätter auf deren Verhalten im laufenden Betrieb der Windanlagen. Arbeiten in einer Männerwelt, sich behaupten und beweisen. Das ist nicht immer leicht. Aber Anna blickt zufrieden zurück: »Ich glaube, es ist einfach wichtig, sich selbst treu zu bleiben, egal was andere sagen, und mutig zu sein.«

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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