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KLEID MACHT FRAU – ODER NICHT?

kleid(Von Hannah Knies) Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Reise nach Finnland. Neben allen Eindrücken, der wunderschönen Natur und dem fast magischen Licht ist mir eines ganz besonders in Erinnerung geblieben: Die Präsenz der finnischen Frauen. Frauen in der Politik, Frauen in Schlüsselpositionen in der Wirtschaft, sie alle hatten etwas, das für mich damals (das Ganze ist jetzt gute zehn Jahre her) erfrischend neu war: Sie erschienen mir unglaublich weiblich. Sie trugen sehr oft bunte Kleider und auffälligen Schmuck, sie waren häufig deutlich geschminkt, mit kräftigen Farben … Mein erster Gedanke, als ich ein Interview mit einer finnischen Politikerin im Fernsehen sah, war: In dem Outfit würde sie in Deutschland keiner ernstnehmen.

Im ersten Moment war dieser Gedanke für mich logisch, im zweiten ein Schock. So schnell, wie er da war, wurde mir klar: Wow, da sind aber noch einige Schubladen zu sprengen. Und ich begann mich zu fragen: Wo kommt dieser Gedanke her? Woher nehme ich diese festgefahrene Erwartung? Woraus speist sie sich? Also begann ich, zu forschen und zu beobachten. Schnell wurde klar: Weiblichkeit drückt sich in Deutschland offensichtlich anders aus als in Finnland. Gerade in hochrangigen Positionen (ob in Wirtschaft oder Politik) sah ich viele Frauen, die sich sehr bedeckt hielten – im wahrsten Sinne des Wortes. Gedeckte Farben, wenig Schmuck, wenig ausgesprochen weibliche Kleidung.

Im Lauf der letzten Jahre hat hier ein Wandel eingesetzt und dennoch scheint nach wie vor ein unausgesprochener Kodex zu existieren, der festlegt, bis zu welchem Grad hierzulande Weiblichkeit in Kleidung ausgedrückt werden darf, um sicherzustellen, dass die Ernsthaftigkeit und Expertise der jeweiligen Frau nicht in Frage oder gar in Abrede gestellt wird. Auf einer sozusagen „unsichtbaren“ Ebene scheinen wir uns verständigt zu haben, was „angemessen weiblich“ ist und was eben nicht. Und um das Finnland-Beispiel noch einmal zu bemühen: Dort gibt es sicherlich auch dieses unausgesprochene Agreement, es enthält aber augenscheinlich andere Aspekte.

Es geht mir in keinem Fall darum, alte Stereotype zu befeuern. Und selbstverständlich soll auch keine wie auch immer geartete „Gleichmacherei“ stattfinden. Jede soll und darf nach ihrer Façon selig werden, so auch beim Griff in den Kleiderschrank. Doch finde ich es frappierend, auf welchen Ebenen – gerade in Zeiten der Gleichberechtigung – nach wie vor augenscheinlich Strukturen am Werk sind, die uns Frauen dazu bringen, abzugleichen und zu prüfen, ob unsere Form von Ausdruck gesellschaftskonform ist.

Diese „Strukturen“ werden im Außen schnell deutlich. Im täglichen Leben hat mit Sicherheit jede von Ihnen bereits die Erfahrung gemacht, nicht ernst genommen (also im Grunde nicht respektiert) zu werden, lediglich aufgrund der Tatsache, ein weibliches Wesen zu sein. Ich erinnere mich da noch sehr gut an die Verhandlungsgespräche zu meinem ersten Firmenwagen, die ich mit männlichem Verkaufspersonal führen durfte. Mit langen blonden Haaren, farbenfroher Kleidung und auffälligem Schmuck bot ich offensichtlich die Steilvorlage für ein halb verdeckt, halb offen zu Tage tretendes abschätziges Verhalten meiner Verhandlungspartner. Dass mein Erscheinungsbild der Auslöser für ebendieses Verhalten war, konnte ich daran festmachen, dass Gesichtsausdruck und Rhetorik dieser Männer sich ganz schnell veränderten, sobald ich meine ersten Standpunkte ausgeführt hatte. Was nach diesem Gespräch in mir passierte, ließ mich aufhorchen: Ich fing an, abzugleichen. Ich fing an, zu justieren. Ich ging tatsächlich meine Garderobe durch um festzulegen, welche Kleidung ich in geschäftlichen Zusammenhängen noch tragen würde – und welche besser nicht. Was mich im Rahmen dieses Artikels zu den „inneren Strukturen“ bringt, Mechanismen und Glaubenssätzen, die in unserer Persönlichkeitsstruktur wirken. Mehr oder weniger bewusst.

Unabhängig von meinem persönlichen Erleben werden mir viele dieser inneren Strukturen immer wieder gezeigt: Ich sehe sie täglich in der Arbeit mit meinen Klientinnen, sie begegnen mir in Gesprächen mit Freundinnen und Geschäftspartnerinnen, ich lese sie in diversen Veröffentlichungen und Artikeln. Und immer wieder zeigt sich ein ganz bestimmtes Bedürfnis: Der Wunsch, die eigene Weiblichkeit zu schützen. Der Wunsch, sich zu wappnen. Aus dem Wunsch heraus, ernst genommen zu werden, wird eine Strategie kreiert – in diesem Fall sozusagen eine Outfit-Strategie. Wir schaffen uns eine „Ritterrüstung“, die uns vor Angriffen schützen und uns stärken soll. In meinem persönlichen Fall waren das dann genau die gedeckten Farben und die Kleidung, die ich eingangs angesprochen habe. Und im Außen wurde ich in meiner Strategie „Ich baue mir eine Ritterrüstung“ sehr bestärkt. Viele weibliche Kontakte gaben mir (gefragt und durchaus auch ungefragt) Tipps zu aus ihrer Sicht angemessener Kleidung. Ich erfuhr, dass lange Haare im Businesskontext nichts zu suchen hätten. Ich lernte, welche Farben noch im Rahmen wären und welche „zu bunt“. Mir wurde angeraten, nicht zu hohe Absätze zu tragen, ich sei schließlich schon so groß…

An diesem Punkt wurde ich unfassbar wütend. Nachdem also mein Outfit „gedeckelt“ und meine Haare gekürzt werden sollten, sollte ich jetzt auch noch so weit gehen, meine Körpergröße an ein wie auch immer geartetes Mittelmaß anzugleichen? Mir platzte ganz salopp gesprochen der Kragen, gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich vermutlich nicht die einzige Frau war, die sich mit solchen Ratschlägen konfrontiert sah (mittlerweile ist diese Vermutung vielfach bestätigt worden). In mir legte sich ein Schalter um. Meine Ritterrüstung war gesprengt und ab sofort verzichtete ich konsequent darauf, mein äußeres Erscheinungsbild mit welchen Normen auch immer abzugleichen. Doch bis dahin war es ein Weg, auf dem so manche „innere Struktur“ über Bord geworfen werden musste – und so mancher Gegenwind von außen abgefedert.

Es hat mich im Lauf der Jahre immer wieder bestürzt, zu erleben (am eigenen Leib und bei anderen Frauen) wie rückständig das Frauenbild gerade in Deutschland offensichtlich noch zu sein scheint, wenn die Expertise einer Frau tatsächlich am Kleidungsstil festgemacht wird. Selbstverständlich gibt es in vielen Berufsfeldern und Geschäftsbereichen Bekleidung, die aus althergebrachten Grundsätzen gewählt wird, oder die aus bestimmten Gründen einfach vorgeschrieben ist. Es geht mir auch gar nicht darum, in einer Neuauflage von Gleichmacherei zu verlangen, dass jede alles überall tragen darf oder nicht. Mir ist es schon lieber, die Metzgereifachverkäuferin meines Vertrauens händigt mir meine Einkäufe im hygienischen Kittel aus als in ihrer Lieblingsjeansjacke. Mir stößt lediglich dieses ständige unausgesprochene Vergleichen und Abgleichen auf, was in der Konsequenz dazu führt, dass auf einer ganz tiefen Ebene ein Gefühl von „Ich bin nicht genug“ entsteht – mit den Auswirkungen dieses Glaubenssatzes sehe ich mich ganz massiv in meiner Arbeit konfrontiert. Ist es nicht jeder Frau selbst überlassen, wie sie ihre Persönlichkeit durch Kleidung zum Ausdruck bringt? Oder ob sie das überhaupt möchte? Ist es nicht langsam genug damit, Frauen aufgrund von Kleidungsstil in Schubladen zu stecken? Ist es nicht verheerend, dass genau diese Schubladen auch von Frauen weiter befüllt werden? Wie gesagt, die Ratschläge in Sachen „angepasster Kleidungsstil“ an meine Adresse kamen von Frauen.

Ich wünsche mir hier mehr „Leben und leben lassen“. Ich wünsche mir mehr Offenheit. Ich wünsche mir eine konsequente Neugier im Umgang mit anderen, die keine vorgefertigten Schubladen mehr braucht. Und ich wünsche mir mehr Frauen, die mutig (denn Mut kostet es nach wie vor) einfach so auftreten, wie es ihrem Innersten entspricht. Mit Zopf oder ohne. Geschminkt oder pur. In Hose oder Rock. Mit Statement-Kette oder Hemdkragen. Und die ihren Mit-Frauen diesen Mut auch zugestehen. Diese Frauen gibt es und es werden mehr. Das stimmt mich hoffungsvoll. Ich habe übrigens mittlerweile einen Kurzhaarschnitt – einfach, weil ich ihn todschick finde. Mein pinker Mantel kommt konsequent zum Einsatz und bei Vorträgen hole ich gerne mal die Glitzerpumps raus. Das fühlt sich für mich stimmig an. Wie ist es mit Ihnen? Was ist Ihre Meinung zum Thema „Weiblichkeit und Kleidungsstil“? Schreiben Sie mir gerne. Bis dahin wünsche ich Ihnen viele aufgelöste innere Strukturen und eine entspannt zum Ausdruck gebrachte Weiblichkeit – so, wie Sie es eben mögen.

Hannah Knies schreibt monatlich für die Kolumne „Weiblichkeit 4.0“ im women&work-NewsLetter und wird auch am 4. Mai 2019 erneut auf der women&work in Frankfurt für Fragen und Kurz-Coachings zur Verfügung stehen. Wer so lange nicht warten will, kann ihre Webseite besuchen: www.divinesparkleinside.com

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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