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Weiblichkeit 4.0 – Verletzlichkeit

Verletzlichkeit(Von Hannah Knies)  Wenn es eine Angst gibt, die weit verbreitet ist, dann die, sich verletzlich zu zeigen. Verletzlichkeit und Weichheit werden gerade im Geschäfts- und Arbeitskontext oftmals mit Schwäche assoziiert, mit mangelndem Durchsetzungsvermögen, mit mangelnder Willenskraft. Und selbst wenn das gängige Frauenbild grundsätzlich erstmal auch Aspekte von Weichheit und Emotionalität enthält und man davon ausgehen könnte, dass es so für Frauen auch einfacher ist, Gefühle auszudrücken und sich verletzlich zu zeigen, so ist dies mitnichten der Fall. Gerade wir Frauen wurden und werden für emotionalen Ausdruck in jedweder Form massiv bewertet und unter Umständen auch verurteilt.

Alleine Aussagen wie „Sie hat gerade so eine emotionale Phase.“, oder „Sie ist halt ein Mädchen. Sie weint viel.“ sind aus meiner Sicht weder neutral noch aufrichtig mitfühlend, sondern tragen oftmals eine Ebene des Belächelns in sich, die sich sehr abwertend anfühlen kann. Wussten Sie, dass das Wort „Hysterie“ vom altgriechischen Wort „hystéra“ = Gebärmutter abstammt? Auch wenn der Begriff in der wissenschaftlichen Diskussion mittlerweile als problematisch betrachtet wird, so wurde Hysterie lange Zeit als eine ausschließlich bei Frauen auftretende, von der Gebärmutter ausgehende psychische Störung verstanden. Im englischen Sprachkontext wird „hysteria“ (englisch für Hysterie) als „ungovernable emotional excess“, also als „unkontrollierbarer emotionaler Exzess“ definiert. Der weibliche emotionale Ausdruck wurde so per definitionem in die Nähe eines krankhaften Zustandes gerückt.  Auch wenn dies in der heutigen Zeit kritisch betrachtet und diskutiert wird, schwingen die Auswirkungen dieses veralteten Zeitgeistes noch nach.

Ich möchte Sie einladen, sich einmal diese Fragen zu stellen: Haben Sie als Frau wirklich das Gefühl, Sie könnten sich offen zeigen und Ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, ohne verurteilt zu werden? Tun Sie das konsequent? Oder wägen Sie ab, was Sie mit wem in welchem Umfang teilen, aus dem Gefühl heraus, sich schützen zu wollen? Im Zweifel ist die Antwort auf die letzte Frage „Ja.“. Was völlig vernünftig ist, denn betrachtet man zwischenmenschliche Mechanismen, wie sie derzeit (noch) funktionieren, macht es Sinn, dafür zu sorgen, dass die eigene Position möglichst stark und entsprechend gut geschützt ist.

Zum Thema „Stärke“ verweise ich auch auf einen meiner vorangegangenen Artikel – dort hatte ich kurz beleuchtet, wie Kleidung (oder ein äußeres Erscheinungsbild generell) eine Schutzfunktion übernehmen und quasi zur Ritterrüstung werden kann. Gleiches geschieht, wenn persönlicher Ausdruck nach möglichen Angriffsflächen abgesucht und dann entsprechen austariert oder gar limitiert wird. Nur ist die Ritterrüstung dann eine innere. Und so stark, wie sie eben ist, formt sie auch den individuellen Ausdruck der Person, die ihn trägt. Das mündet oft in eine Zurückhaltung, die verwässernd wirken kann. Standpunkte verlieren an Kraft. Gesprächsthemen verlieren an Tiefe. Austausch verliert an Lebendigkeit.

Doch so, wie die Welt derzeit massiv im Wandel ist, ändern sich auch Welt- und Menschenbilder in Lichtgeschwindigkeit. Derzeit beobachte ich mit großem Interesse, wie das Thema „Verletzlichkeit / Weichheit“ (engl. vulnerability) immer mehr in den Fokus rückt. In den sozialen Medien finde ich gehäuft Videos von Frauen, die ihre Emotionen offen zeigen. Die beispielsweise hoch emotional ihrer Überforderung als Mutter Ausdruck verleihen. Die auf berührende Art und Weise schildern, wie sie sich fühlen, wenn sie von anderen Menschen für Aspekte ihrer Selbst bewertet und beurteilt werden. Die, als ganz offensichtlich erfolgreiche Geschäftsfrauen, offen davon sprechen, wie verrückt manche ihrer Tage verlaufen und wie wenig ihr Leben einem „Bilderbuchleben“ gleicht. Und für mich fühlt es sich so an, als würde hier die Basis geschaffen für eine neue Form von Austausch.

Verletzliche Kommunikation wird aus meiner Sicht unsere Art, miteinander ins Gespräch und in Verbindung zu gehen, revolutionieren. Die Zeit ist mehr als reif dafür und die Mittel und Wege der bisher gängigen „Brüllaffenrhetorik“ (man möge mir die Wortwahl verzeihen) mehr als ausgereizt. Die Zahl derer, die darauf bauen, ist begrenzt und wenn diese „wandelnden Megaphone“ auf der politischen Weltbühne agieren, so bilden sie zum einen weder die vorherrschende Stimmungs- und Meinungslage derer ab, denen sie dienen sollten, noch sind ihre verbalen Hauruck-Aktionen von nachhaltigem, fortschrittlichem Erfolg geprägt. Das Gleiche gilt für große, global agierende Wirtschaftskonzerne. Auch hier posaunen einige wenige für viele – und demaskieren sich letztlich damit konsequent.

Die Entwicklung, wie ich sie derzeit beobachte, gibt uns Frauen das Zepter in die Hand. Wir können, aus einer Position der Stärke heraus, verletzlich kommunizieren. Das erfordert natürlich erstmal Mut und ein gewisses Maß an Chuzpe, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass alle Adressaten mit gleicher Offenheit auf die ausgesandte Botschaft reagieren (ob nun geschrieben oder gesprochen). Dennoch ist es aus meiner Sicht unabdingbar, dass wir Frauen die Chance nutzen, die sich uns bietet. Von jeher nicht in den Megaphon-Seilschaften integriert, haben wir die wunderbare Möglichkeit, hier Zeichen zu setzen und einen Wandel herbeizuführen. Offene, verletzliche Kommunikation öffnet Raum für Kreativität, für Kollaboration, für frische Problemlösungsstrategien. Offene, verletzliche Kommunikation setzt Kräfte frei und erlaubt den Zugriff auf bisher schlummernde Aspekte unseres Potentials, die jetzt so gebraucht werden. Wer würde verneinen, dass es in der heutigen Zeit unabdingbar ist, vorhandene Problemstellungen kreativ zu betrachten, in einer Form von gleichgestellter Zusammenarbeit nach Lösungen zu suchen und diese neu gefundenen Handlungsstrategien auf eine Art umzusetzen, die sich nicht mehr der alten, starren und festgefahrenen Muster bedient, die offensichtlich nicht mehr zeitgemäß sind?

Nutzen wir die neuzeitliche Entwicklung. Revolutionieren wir unsere Art, zu kommunizieren und so, zusammenzuarbeiten und drängende Probleme aus einer Ebene des Mitgefühls heraus zu lösen. Gehen wir in Verbindung. Zeigen wir uns verletzlich. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies die Welt zu einem besseren Ort macht. Was meinen Sie? Schreiben Sie mir gerne, ich freue mich über jeden Austausch – verletzlich und mitfühlend, kreativ und stark.

Hannah Knies schreibt monatlich für die Kolumne „Weiblichkeit 4.0“ im women&work-NewsLetter und wird auch am 4. Mai 2019 erneut auf der women&work in Frankfurt für Fragen und Kurz-Coachings zur Verfügung stehen. Wer so lange nicht warten will, kann ihre Webseite besuchen: www.divinesparkleinside.com

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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