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Weiblichkeit 4.0 – Heilsame Leere

Heilsame Leere(Von Hannah Knies) Während die westliche Welt in Vorweihnachtsgeschäftigkeit versinkt und die Terminkalender sich mit Abschlussgesprächen und Weihnachtsfeiern füllen, schlendert das Jahr dem Ende entgegen und kümmert sich herzlich wenig darum, wie viel Aktivität wir Menschen in die verbleibenden Tage stecken. Das Jahr weiß: Seine Tage sind gezählt. Und so vergeht die Zeit, unaufhaltsam und sehr bestimmt, während man glauben möchte, wir Menschen tun alles, um gegen die Endlichkeit anzuarbeiten – als würden wir versuchen, mit Terminen und Verabredungen gegen den Strom der Zeit anzuschwimmen. Vielleicht kommt ja doch noch eine 25. Stunde aus dem Tag, wenn man ihn nur lange genug ausdrückt?

Dies halb im Scherz gesprochen, aber es ist schon frappierend, wie wenig wir offensichtlich gewillt sind, einfach mal innezuhalten und gegebene Endlichkeiten zu akzeptieren. In dem Zusammenhang hatte ich vor kurzem ein eindrückliches Erlebnis. Zum Hintergrund: Um mich und meine Ziele auf Kurs zu halten, bin ich schon seit langem mit „Accountability Buddies“ unterwegs, also einem Zirkel aus Gleichgesinnten, die ebenfalls im Coaching und Personal Development aktiv sind. Wir halten uns, salopp gesprochen, ein bisschen an der Kandare, einfach nur, in dem wir uns gegenseitig mitteilen, was wir in der kommenden Woche erreichen wollen. Wenn man’s einmal gesagt hat, ist es tatsächlich viel leichter auch getan.

Und so schicken wir uns also sonntagabends regelmäßig unsere Wochenrückschau (damit wir uns auch gegenseitig ordentlich für Erreichtes feiern können) und die Ziele für die kommende Woche. So gesehen noch nichts wirklich außergewöhnlich Spannendes, das tun wir schließlich jede Woche. Was für mich an diesem einen besonderen Sonntag so eindrücklich war, war die Tatsache, dass mir nichts einfallen wollte, was ich in der kommenden Woche tun könnte, um an meiner großen Vision weiterzuarbeiten. Ich war völlig uninspiriert. Es gab nicht den kleinsten Impuls, nicht auch nur den Ansatz einer Idee. Ich war „leer“. Es gab nichts, was ich hätte aufschreiben können, und so fiel mein Wochenziel ziemlich knapp aus: Ich tue, was getan werden muss und absolviere einfach nur meine Termine. Mehr nicht.

Das mag erstmal von außen betrachtet gar nicht so eindrücklich klingen. Ganz im Gegenteil, einfach nur die gegebenen Termine absolvieren und ansonsten mal einen Gang zurückschalten klingt doch super, oder? Für mich als passionierte Ideenfabrik, Initiatorin und Kreativwerkstatt auf zwei Beinen war das eine fast schon schizophrene Erfahrung, als hätte sich da ein Persönlichkeitsanteil eingeschoben, der mir bisher entgangen war und den ich entsprechend auch überhaupt nicht kannte – und dieser Anteil hatte eben jetzt das Zepter übernommen und den Ideenspeicher ausgeräumt. Cache leer, sozusagen. Nix mehr drin.

Das wirklich Eindrückliche an dieser Erfahrung war aber nicht die Leere als solche – sondern was sich danach für ein emotionaler Film in mir abspielte. Irgendwie war meine Erwartung, dass ich in Panik verfallen oder zumindest ein wenig Bammel vor der Ungewissheit bekommen würde, was in geringem Maße dann auch passierte. Wie bestellt, so geliefert. Darunter tauchte aber nach und nach so sanft wie nachdrücklich eine sehr kuschelige Schicht innerer Frieden auf – und damit hatte ich nun am allerwenigsten gerechnet!! Und so sprang ich innerlich erst mal im Dreieck, immer schön hin und her zwischen Verwirrung, leichter Panik und diesem merkwürdigen Frieden, der nicht verschwinden wollte und ohne mein Zutun immer mehr Raum einnahm…

Naja, dachte ich mir nach und nach, dann eben Frieden. Warum auch nicht. Also: Wochenziel so formuliert wie oben, noch dazugeschrieben, wie merkwürdig friedlich sich das anfühlt und wie gespannt ich auf die kommende Woche bin und ab damit in die Gruppe meiner Accountability Buddies. Und dann passierte Folgendes: Ich wurde innerhalb von wenigen Stunden direkt von zwei Seiten kontaktiert, ob ich nicht eine Sitzung haben wolle, um daran zu arbeiten (wie gesagt, die Gruppe besteht nur aus Coaches). Und so toll ich diese Hilfsbereitschaft fand, kam mir direkt die Frage (eigentlich waren es zwei): Kann man an Leere arbeiten (wo setzt man an, wenn einfach nichts da ist)? Und: Möchte ich das überhaupt? Ich hatte nämlich gerade angefangen, diesen fluffigen Frieden zu genießen …

Wenn man sich unsere westliche Industriegesellschaft von außen anschaut, wird schnell klar, warum bei mir im ersten Moment Angst vor der Leere hochkam und warum mir diese (sehr lieb gemeinten) Hilfsangebote gemacht wurden: Wir werden und sind darauf konditioniert, zu tun. Zu machen. „Wer schreibt, der bleibt“. Aktiv sein wird anerkannt. Je produktiver wir sind, desto besser. Unser Bildungssystem lehrt uns, dass Du dann erfolgreich bist, wenn Du viel tust und erledigst, viel abarbeitest. Es bleibt kein Raum zum Atmen. Leere ist Verschwendung. Und noch klarer formuliert: Leere ist eine Bedrohung für unser Reptiliengehirn. Leere ist Stillstand. Und im Stillstand (so glaubt unser rudimentäres Unterbewusstes) sterben wir.

Meine Angst im ersten Augenblick könnte man also durchaus mit Todesangst gleichsetzen. Die Leere im Außen sichtbar werden zu lassen (indem ich sie in meinem Wochenziel formulierte) führte dazu, dass mich zwei meiner Buddies vor dem sicheren Tod bewahren wollten. Klingt erstmal völlig abgefahren, oder? Ich würde Sie gerne zu einer gedanklichen Reise einladen. Spüren Sie mal tief in sich hinein und fragen Sie sich: Wann haben Sie das letzte Mal nichts getan und hatten auch keinen Impuls, etwas zu tun? Wie lange hat das angehalten? Wie schnell haben Sie wieder zum Handy gegriffen, Ihren Kalender konsultiert, die Spülmaschine ausgeräumt, oder sich anderweitig nützlich gemacht? Ganz ehrlich? Sie können sich nicht einmal erinnern, wann das letzte Mal so ein impulsloser Moment war? Dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. Langeweile fand im Zweifel zum letzten Mal in der Kindheit oder Jugend statt. Sobald wir im Ernst des Lebens angekommen sind, machen wir. Ständig.

Gegen Produktivität ist aus meiner Sicht erstmal gar nichts zu sagen – solange sie wirksam ist (also effektiv). Produziert das, was Sie tun, ein gewünschtes Ergebnis? Bewirkt Ihr Tun ein gewünschtes Ergebnis (löst es einen Effekt aus, der zum Erreichen eines Ziels führt)? Solange diese Fragen mit Ja beantwortet werden können: Feuer frei! Da will was ins Leben, also raus damit. Aktives Handeln kippt dann ins Nutzlose, wenn es um des Tuns willen betrieben wird, um den Stillstand (und damit die Leere) zu vermeiden. Damit bringen wir uns um eine Erfahrung, die sehr kraftvoll sein kann: Zu erleben, wie sich die schöpferische Leere (so habe ich sie für mich getauft) von ganz allein füllt, mit etwas, das wir nicht erwartet haben, das uns beschenkt und weiterbringt. Diesen Stillstand auszuhalten (oder sogar zu genießen), macht die Tore ganz weit auf für etwas, das uns im Tun entgangen wäre – oder das wir im Tun nicht hätten festhalten können, weil wir ja mit beiden Händen schon beschäftigt gewesen wären.

Gerade jetzt, zum Ende des Jahres hin, wünsche ich mir mehr von dieser Leere. Mehr Raum für Stillstand. Um dann zu empfangen, was uns (im neuen Jahr) weiterbringt, unsere Fähigkeiten stärkt, unser Licht heller leuchten lässt. Für mich sind die anstehenden Raunächte die perfekte Gelegenheit, diesen schöpferischen Stillstand zu erleben und mal zu schauen, was da noch so alles auftaucht, wenn ich einfach mal nicht mache, sondern nur still bin. Vielleicht haben Sie ja auch ein Ritual zum Abschluss dieses und zum Beginn des neuen Jahres. So oder so wünsche ich Ihnen von Herzen eine stille, bisweilen leere und besinnliche Zeit, viel Raum zum Atmen und Genießen und viele schöne Momente mit Ihren Lieben. Genießen Sie ein bisschen heilsame Stille und kommen Sie gut ins neue Jahr.

Hannah Knies schreibt monatlich für die Kolumne „Weiblichkeit 4.0“ im women&work-NewsLetter und wird auch am 4. Mai 2019 erneut auf der women&work in Frankfurt für Fragen und Kurz-Coachings zur Verfügung stehen. Wer so lange nicht warten will, kann ihre Webseite besuchen: www.divinesparkleinside.com

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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