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Weiblichkeit 4.0: Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Wahrheit(Von Hannah Knies) Wie in meinem letzten Artikel schon beleuchtet, ist das Potential dieses Jahres ein großes. Und das ist nicht übertrieben. Der Wandel, in dem wir uns bewegen, nimmt gefühlt minütlich an Fahrt auf und stellt uns vor immer neue Herausforderungen, präsentiert uns aber auch großartige Chancen. Möglichkeiten, ganz persönlich aber auch als Gesellschaft neue Ebenen des Seins und Miteinanders zu etablieren, die allen dienen. Was in diesem Spannungsfeld von großer Bedeutung ist, ist das Üben von Mitgefühl. Ganz praktisch im alltäglichen Leben. Durch das Ausdrücken der eigenen Wahrheit, aber auch die respektvolle Anerkennung der Wahrheit anderer. Wie kann das im Einzelnen aussehen?

Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe mir im Lauf der Zeit ein paar liebgewonnene Traditionen etabliert, die ich zum Ende eines jeden Jahres lebe. Mittlerweile gehört dazu auch, mir die Jahresabschlusssendung von Dieter Nuhr anzusehen. In der aktuellen Ausgabe von 2018 hat er einen Punkt herausgearbeitet, den ich beeindruckend und auch schwerwiegend fand: Dass im Lauf der letzten Jahre das Wort „Kompromiss“ fast zum Unwort geworden ist. In die Auslegung von „Kompromiss“ hat sich eine Ebene von Interpretation eingeschlichen, die nahelegt, dass eine Kompromisslösung die schlechteste Lösung ist. Dass ein Kompromiss ein minderwertiges Ergebnis eines vorangegangenen Konfliktes ist. Und ich muss sagen, das hat mich erschreckt, nicht nur, weil mir das in der Deutlichkeit vorher nicht bewusst war, sondern deshalb, weil ich im gleichen Moment auf einer tiefen Ebene gespürt habe: Das nehme ich genau so wahr. Irgendwann und irgendwie hat irgendwer angefangen, Kompromisse als etwas Negatives zu bewerten, als wäre das Zusammenkommen in der Mitte (von welchen Ausgangspunkten auch immer) etwas, bei dem alle nur verlieren und keiner gewinnt. Und im gleichen Atemzug wurde auch klargestellt, dass letztlich nur der klare „Sieg“ über den anderen (die gegnerische Partei) als gutes Ergebnis gewertet werden kann.

Mir ist schon vor Jahren aufgefallen, dass es gerade in den sozialen Medien eine Tendenz gibt das in Deutschland im Grundgesetz verankerte Recht auf Meinungsfreiheit in ein „Recht auf Rechthaben“ umzumünzen. Persönliche Ansichten werden in die Öffentlichkeit geblasen mit der Erwartungshaltung, eine hundertprozentige Zustimmungsquote zu erreichen. Wenn das nicht der Fall ist, wird das Feuer auf die vermeintlichen Gegenspieler eröffnet – auch wenn diese lediglich von ihrem, ihnen genauso zustehenden Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und ihre Sicht der Dinge zum Ausdruck gebracht haben. Das macht es nicht nur schwierig oder fast unmöglich, sich konstruktiv auszutauschen, das stellt auch einen eigentlich ganz natürlichen Meinungsaustausch auf eine fast schon kriegerische Ebene. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn Mitgefühl üben (so wie oben kurz angesprochen) kann man im Krieg nicht. Dafür braucht man Frieden – oder zumindest Friedenswillen. Den kann man üben. Das ist für mich eine der großen Chancen, die ich für dieses Jahr und darüber hinaus sehe.

Wie kann das funktionieren? Die Antwort ist einfach, die Umsetzung dürfte erstmal herausfordernd sein: In dem wir üben unsere Wahrheit zu sprechen – wenn es hilfreich und angemessen ist. Fakt ist, es gibt so viele Wahrheiten wie Menschen auf diesem Planeten. Denn was ist „Wahrheit“ denn im Grunde? Nichts anderes als eine individuelle Wahrnehmung der Realität. Und diese Wahrnehmung ist (das liegt einfach in der Natur der Sache) von Mensch zu Mensch höchst verschieden. Beispielsweise kann es schon sein, dass Sie die Farbe Rot anders wahrnehmen als Ihre beste Freundin. Sie haben zwar irgendwann gelernt, eine bestimme Farbschattierung als „rot“ anzuerkennen und Ihr Gehirn entsprechen konditioniert – aber wer sagt denn, dass die Sehzellen Ihrer Augen genau so angeordnet sind wie die Ihrer Freundin? Dass Sie genau so viele Rezeptoren haben, die für die Farbe rot zuständig sind? Dass diese Rezeptoren genau so empfindlich auf die entsprechenden Lichtwellen reagieren? Dass Ihr Sehnerv die absolut identischen Impulse (in Stärke und Anzahl) an Ihr Gehirn sendet? Dass Ihr Gehirn anhand dieser Signale exakt die gleiche Schattierung von Rot produziert? Die Antwort ist: Sie können es nicht wissen. Sie sind nicht im Körper Ihrer Freundin, sehen nicht mit ihren Augen. Sie haben ausschließlich Zugriff auf das, was Ihr Körper Ihnen an Informationen zur Verfügung stellt und was Ihr Gehirn daraus macht. So definieren Sie die Farbe Rot. Macht das das Rot Ihrer Freundin weniger rot oder röter? Ich hoffe, Ihre Antwort ist nein.

Denn das genau ist der springende Punkt: Um Mitgefühl zu üben und als Gesellschaft zusammenzurücken, ist es aus meiner Sicht wichtig, die Wahrnehmung der Realität der anderen, ihre Wahrheit, als solche anzuerkennen. Nichts weiter. Man muss sie nicht gutheißen, man muss sie nicht unterstützen. Aber die Anerkenntnis der Tatsache, dass die Wahrheit im Grunde immer nur eine individuelle Wahrnehmung der Realität ist, kann eine Basis schaffen, auf der Kompromisse wieder das werden, was sie immer waren und nach wie vor sind: Der einzig funktionierende Mechanismus in einer Gemeinschaft der Vielen. Denn Kompromisse sind keine faulen, sondern der Versuch, ein Miteinander zu schaffen, in dem alle Ansichten grundsätzlich erst einmal eine Daseinsberechtigung haben. Um dann eine Lösung für die gegensätzlich gelagerten Wünsche und Bedürfnisse zu erarbeiten, die alle Beteiligten mitnimmt, die auf Mitgefühl und gegenseitiger Achtung beruht – in Anerkenntnis der Tatsache, dass es „die Wahrheit“ einfach nicht gibt. Kompromisse sind daher aus meiner Sicht eine wahre Meisterleistung, die es gilt, viel öfter zu praktizieren und auch anzuerkennen.

Aus meiner Sicht sind wir gefordert, das Aussprechen unserer Wahrheit zu üben, mehr denn je. Nicht, um einfach mal was „rauszublasen“, sondern um dann, wenn es hilfreich und angemessen ist, Ebenen in Diskussionen einzubringen, die eventuell fehlen. Nicht um Recht zu haben, sondern um Verantwortung zu übernehmen. Und das kann dann ganz praktisch auch das Gespräch mit der Freundin sein, dass wir so lange aufgeschoben haben, weil wir uns scheuen, unsere Wahrheit zum Ausdruck zu bringen und Dinge beim Namen zu nennen (wie gesagt, bei dem Namen, den wir diesen Dingen gegeben haben). Vielleicht ist es Ihnen auch schonmal passiert, dass Sie in einem Gespräch mit mehreren Beteiligten gesessen haben und irgendwann hat jemand etwas gesagt und Sie dachten sich (oder haben es vielleicht sogar ausgesprochen): ‚Ich bin so froh, dass das mal einer gesagt hat.‘. Und ganz plötzlich war wieder Bewegung im Gespräch, war eine neue Offenheit da, ein Miteinander. Genau diese Form des Wahrheitsprechens brauchen wir, die konstruktive und herzliche Art, Dinge ins Bewusstsein zu rufen. So sehr wir uns selbst manchmal davor scheuen das zu tun, so sehr lieben wir es doch, wenn jemand anders es tut. Wenn Sie das Diskussionsbeispiel selbst erlebt haben, haben Sie vielleicht ein Gefühl dafür. Wir sind einfach nur ungeübt darin, beherzt (im Wortsinn) ein offenes Wort zu sprechen.

Zeit das zu ändern. Konstruktive Wahrheit stärkt das Miteinander. Schafft Bewusstsein. Fügt mehr Farben zu unserer persönlichen Palette hinzu. Bringt uns als Gesellschaft näher zusammen. Und so dürfen Sie nicht glauben, dass Ihre ganz persönliche „Wahrheitschallenge“ – so Sie denn für sich gerade beschließen, das Gelesene umzusetzen – keine Kreise ziehen wird. In dem Sie es tun, inspirieren Sie anderen, es auch zu wagen. Und mit ein bisschen Geduld und Verständnis dafür, dass wir gerade bildlich gesprochen erstmal auf dem Kinderfahrrad mit Stützrädern unterwegs sind, kann das etwas sehr Schönes und Kraftvolles sein. Ich persönlich wünsche mir mehr beherzte Wahrheit. Und viel mehr Kompromisse.

Was denken Sie? Sind wir bereit dafür? Was sind aus Ihrer Sicht die Chancen und Herausforderungen? Schreiben Sie mir gerne Ihre ganz persönliche Wahrheit, ich freue mich darauf, sie zu lesen.

Hannah Knies schreibt monatlich für die Kolumne „Weiblichkeit 4.0“ im women&work-NewsLetter und wird auch am 4. Mai 2019 erneut auf der women&work in Frankfurt für Fragen und Kurz-Coachings zur Verfügung stehen. Wer so lange nicht warten will, kann ihre Webseite besuchen: www.divinesparkleinside.com

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, dreifache Innovationspreisträgerin, ist seit 1998 passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte und preisgekrönte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas Leitmesse für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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