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Europas Leitmesse für Frauen & Karriere

Frauen in der IT – Zwischen Karriere und vorprogrammierten Klischees

IT(Gastbeitrag von Daniel Schnaithmann, erp4students) Es ist ein offenes Geheimnis: Frauen sind in der IT-Branche unterrepräsentiert. Nicht nur, dass der Frauenanteil in konkret IT-bezogenen Studiengängen und Ausbildungsberufen sehr niedrig ist – auch Frauen in grundsätzlich eher weiblich geprägten Studiengängen wie BWL oder VWL entscheiden sich nur in den wenigsten Fällen für eine Karriere im IT-Sektor. Aber warum eigentlich?


Die IT ist noch immer eine klassische Männerdomäne. Wirft man einen Blick auf die großen Technik-Konzerne, wird dies besonders schnell deutlich: Eine Auswertung von Statista zeigt, dass der Anteil weiblicher IT-Fachkräfte bei Apple bei 23 Prozent, bei Google bei 20 Prozent und bei Facebook und Amazon jeweils bei 19 Prozent liegt. Selbst in Bulgarien, das laut einer Auswertung der IT-Jobplattform Honeypot beim Frauenanteil in der IT-Branche am besten aufgestellt ist, sind bei einem Frauenanteil von 46,9 Prozent an allen Erwerbstätigen nur 30,3 Prozent Frauen in der IT-Branche tätig. Deutschland liegt mit nur 16,6 Prozent auf Platz 20 von 41 ausgewerteten OECD- und EU-Ländern – und damit lediglich im Mittelfeld.

Verlässt man den Arbeitsmarkt und wirft einen Blick auf den Ausbildungssektor, wird deutlich, dass es bereits dort ein großes Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung gibt. So liegt der Frauenanteil bei Informatik-Studiengängen hierzulande fächerübergreifend bei nur 21 Prozent. Doch wie lässt sich dieser »Gender Gap« begründen?

Eine Ursache des »Gender Gap« ist mit großer Wahrscheinlichkeit der »Gender Pay Gap«. So verdient ein Mann im ITK-Sektor (u.a. IT-Dienstleistungen, Datenverarbeitung, Webhosting) laut aktuellen destatis-Daten 32 Prozent mehr als seine Kolleginnen.

Doch viele Ursachen desselben Problems liegen schon viel früher begründet. Wir haben selbst die Erfahrung gemacht, bspw. auf Messen, Veranstaltungen, während oder nach Vorträgen, dass es häufig Stereotype oder Klischees sind, die schon während der Schulzeit oder des Studiums erste Berührungsängste mit der IT-Branche hervorrufen. So haben wir in Gesprächen mehr als einmal Sätze gehört wie: „Ich bin zu schlecht in Mathe“, „Ich habe Angst mich zu blamieren, weil die Branche so stark ist“ oder auch „Ich habe keine Lust, mit Nerds zusammenzuarbeiten.“ Hat die IT-Branche nicht nur ein Männer-, sondern auch ein Imageproblem?

In Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur hat sich über die Jahre ein Bild etabliert, das mit der Realität nur entfernt etwas zu tun hat. Sie denken zum Beispiel, dass die Informatik von Anfang an eine Männerdomäne gewesen ist? Dann wissen sie vermutlich nicht, dass das Programmieren in seinen Anfangstagen eine Arbeit für Bürokräfte war – und das waren in erster Linie Frauen. Erst nach und nach wurde diese Disziplin in ein wissenschaftliches, männlich dominiertes Feld umtransformiert (Weiterlesen). Doch ist es heute noch weniger als damals korrekt, dass wissenschaftliches Können oder der gesellschaftliche Status über das Geschlecht definiert sein sollten.

Auch das Bild des soziophoben Nerds, der tagein und tagaus in einem dunklen Kämmerlein sitzt, an Programmen schreibt und möglichst nichts mit Menschen zu tun haben möchte, gehört in die Kategorie der klassischen Vorurteile – auch wenn sich heutzutage Serien wie »The Big Bang Theory« redlich darum bemühen, dieses Klischee aufrecht zu erhalten. Natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass in der IT-Branche sicherlich auch solche Nerd-Klischees bedient werden. Aber mit Sicherheit nicht stärker oder häufiger als in anderen Sektoren auch. Zudem besteht die Arbeit in der IT auch nicht zwangsläufig nur aus dem Schreiben von Programmen. Die Arbeitsfelder reichen von Engineering über Consulting bis hin zum Management, die Branchen dabei von Handel hin zu Finanzdienstleistung, Logistik und Sicherheit.

Die Lösung scheint also zu sein, dass auf der einen Seite der »Gender Pay Gap« verschwindet. Auf der anderen Seite muss schon viel früher angesetzt werden, um mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen. Es muss aber auch darum gehen, das Selbstvertrauen von Frauen zu stärken und ganz grundsätzlich bessere Grundvoraussetzungen zu schaffen. Und das am besten so früh wie möglich. Zur Debatte steht schon seit längerer Zeit, die Informatik als Pflichtfach in den Schulen bundesländerübergreifend einzuführen. Das macht durchaus Sinn, denn der IT-Sektor ist ein stetig wachsendes Feld, dessen Bedeutung – auch im Alltag – immer weiter zunimmt. Länder wie Indien, Südkorea oder die USA sind Deutschland in dieser Hinsicht weit voraus. Bei uns gilt Informatik, zumindest für einige Jahrgangsstufen und bisher nur in vier Bundesländern (Bayern, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg) als Pflichtfach – und das, obwohl Informatikwissen nach Expertenmeinung mittlerweile zur Allgemeinbildung gehört.

Es gibt aber auch einige Förderprogramme, Institute und Unternehmen, die sich auf den Themenkomplex „Frauen in der IT“ spezialisiert haben und entsprechende Aufklärungsarbeit leisten.

So arbeitet beispielsweise Femtec mit ausgewählten Technologie-Unternehmen und Universitäten zusammen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen für Ingenieur- und Naturwissenschaften zu begeistern, aber auch, die beruflichen Ein- und Aufstiegschancen in den entsprechenden Branchen zu verbessern. Ein weiteres Ziel ist der Aufbau eines starken Netzwerks zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zur Förderung des weiblichen Führungsnachwuchses. Um dies alles zu gewährleisten, bietet Femtec für Schülerinnen und Schüler u. a. die Try it!-Workshops und andere Nachwuchsprogramme an. Für Studierende gibt es z. B. das studienbegleitende Careerbuilding-Programm. Und auch als Absolventin kann man im Femtec-Netzwerk weiterhin aktiv bleiben.

Rails Girls Berlin ist die sprichwörtliche kleine Schwester der Rails Girls Finland. Rails Girls ist eine Non-Profit Organisation, die Frauen für das Programmieren und für die Informatik begeistern möchte. Die NGO bietet (kostenlose) Kurse rund um das Thema „Programmierung“ an und führt an der Informatik interessierte Frauen an die Thematik heran und bietet dabei zugleich den Vorteil, direkt in die Praxis einsteigen zu können.

Der Nationale Pakt für Frauen in MINT-Berufen – oder auch: Komm, mach MINT – möchte das Potential von Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe nutzen und fördern; gerade im Hinblick auf einen Fachkräftemangel. Das Projekt strebt an, ein realistisches und klischeefreies Bild von ingenieur- und naturwissenschaftlichen Berufen zu vermitteln, und besonders die Chancen für Frauen in diesen Bereichen aufzuzeigen. Junge Frauen sollen für naturwissenschaftlich-technische Studiengänge interessiert und Hochschulabsolventinnen für Karrieren in technischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen gewonnen werden. Zu diesem Zweck wurden Projekte wie CyberMentor, MINTalente oder die VDE MINT AKADEMIE ins Leben gerufen. Komm, mach MINT ist ein überregionales Bündnis aus Bundesregierung, Bundesagentur für Arbeit, Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Hochschulen, Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen, Frauen-Technik-Netzen, Medien und öffentlichen Einrichtungen.

Die Hochschule Bremen hat den Studiengang Internationaler Frauen-Studiengang Informatik B. Sc. mit dem Schwerpunkt Softwareentwicklung eingeführt. Der Studiengang erfolgt vorwiegend monoedukativ. Das bedeutet, dass grundlegende Veranstaltungen ausschließlich für Frauen und in Kleingruppen angeboten werden. Erst ab dem 3. Semester besteht die Möglichkeit zu koedukativen Kursen. Dieser Studiengang setzt keine Vorkenntnisse voraus und es finden sowohl vor als auch studienbegleitend Tutorien statt, um den Studienanfängerinnen den Start ins Studium zu erleichtern.

Bei allen Anregungen, Hypothesen und Versuchen, für eine auf allen Ebenen gleichberechtigte IT-Branche zu sorgen, sollte aber nicht der Fehler begangen werden, einzig Frauen in die Verantwortung zu ziehen bzw. ausschließlich an deren (angeblichen) Defiziten anzusetzen. Dies würde weder die Strukturen noch die Kulturen verändern, die, genauso wie Studium, Beruf und Gesellschaft, noch immer von Geschlechterstereotypen mitbestimmt werden. In einem Interview mit erp4students stellte Frau Prof. Dr. phil. Felizitas Sagebiel fest:

In Männerdomänen wie dem IT oder den meisten Ingenieurwissenschaften wird traditionelle Männlichkeit hochgehalten, mit der Pflege entsprechender Netzwerke. Und die sogenannten Gatekeeper haben kein Interesse daran, diese Situation zu verändern. Man/frau kann also nicht so tun, als ob es nur an den ‚Defiziten‘ der Frauen läge – seien sie fachlicher Natur, oder ein vermeintliches geringeres Selbstvertrauen.

Es ist also eine Sache, mit Klischees und Vorurteilen aufzuräumen und ein nobler Wunsch, den »Gender Pay Gap« nachhaltig schließen zu können. Und weil es nun einmal ein Fakt ist, dass Männer das dominierende Geschlecht in der IT-Branche darstellen, liegt es ebenso auf der Hand, dass ein Umdenken in den patriarchalen Führungsetagen mindestens genauso wichtig ist, wie eine Aufklärung und Wegbereitung schon vor oder während des Studiums – wenn nicht sogar noch wichtiger.

Prof. Dr. phil. Felizitas Sagebiel ist außerordentliche Professorin und promovierte Sozialwissenschaftlerin der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2000 befasst sie sich mit dem Themenbereich Gender und Ingenieurwissenschaften. Schwerpunkte der Forschung liegen auf Gender und Bildung (in Schule und Hochschule, im Alter), geschlechtliche Organisationskultur und “masculinities” in den Ingenieurwissenschaftens, sowie Gender und Führung in den Ingenieurwissenschaften in unterschiedlichen Organisationen.

Hinweis:
erp4students ist am 4. Mai 2019 auf der women&work in Frankfurt im Weiterbildungsforum (Stand W6).

Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, dreifache Innovationspreisträgerin, ist seit 1998 passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte und preisgekrönte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas Leitmesse für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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