women&work

Europas Leitmesse für Frauen & Karriere

„Wir müssen uns unserer Würde wieder bewusst werden.“

gerald hüther im interview

Die women&work, Europas Leitmesse für Frauen und Karriere, findet am 4. Mai 2019 zum 9. Mal statt. Schwerpunkt beim diesjährigen begleitenden Kongress ist das Thema „Humanismus 4.0“ mit der Kernfrage: Was unterscheidet den Menschen von der Maschine? Dazu eingeladen ist Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe und Buchautor, der gemeinsam mit der Initiatorin des Messe-Kongresses, Melanie Vogel, über dieses Thema diskutiert. Sie führte ein exklusives Interview mit ihm, das einen Vorgeschmack auf das spannende Zukunftsthema gibt. Eine Anmeldung für einen Backstage-Pass ist noch bis zum 30. April möglich unter http://backstage.womenandwork.de.

Melanie Vogel: Sie plädieren in Ihrem neuen Buch für mehr Würde. Was genau meinen Sie damit?
Gerald Hüther: Genau genommen plädiere ich nicht für mehr Würde, sondern ich möchte die Leserinnen und Leser dieses Buches dazu einladen, sich ihrer eigenen Würde bewusst zu machen. Nur dann, wenn eine Person eine Vorstellung davon entwickelt hat, was für ein Mensch sie oder er sein möchte und sich auf diese Weise ihrer Würde bewusst geworden ist, kann sie auch darauf achten, dass diese Würde nicht von anderen verletzt wird und – was noch wichtiger ist – dass sie diese eigene Würde mit dem, was sie sagt und tut, nicht selbst verletzt. Die Würde ist also im Gegensatz zu Moral und Ethik keine soziale Übereinkunft, sondern eine subjektive Entscheidung.

MV: Sie haben den Eindruck, wir sind gerade dabei, unsere Würde zu verlieren. Warum ist dieser Eindruck entstanden?
GH: Solange wir davon ausgehen, dass wir deshalb Würde besitzen, weil sie uns von einem Schöpfergott geschenkt wurde oder weil sie grundsätzlich als unantastbar bezeichnet wird, können wir sie auch nicht verlieren. Aber die Bereitschaft der Menschen, sich ihrer eigenen Würde bewusst zu werden und darauf zu achten, dass sie nicht verletzt wird, kann schwinden, wenn sie sich bei einer wachsenden Zahl der Bürger einer Gesellschaft für den eigenen Lebensvollzug und die Durchsetzung eigener Interessen als hinderlich erweist. Das wäre z. B. In einer sehr stark von ökonomischen Bestrebungen, von Wettbewerb und Leistungsdruck geprägten Gesellschaft der Fall. Früher haben die von solchen Bestrebungen getragenen Machthaber ihre Untergebenen unterdrückt, inzwischen haben sie eine deutlich bessere Strategie gefunden, um ihre Interessen durchzusetzen: Sie verstehen es inzwischen immer besser, diese auf immer geschicktere Weise zu verführen … mit Incentives in der Wirtschaft, mit guten Karriereaussichten in der Ausbildung, mit Kaufangeboten in den Geschäften und mit allen möglichen Versuchungen im Internet. Wer sich seiner Würde bewusst geworden ist, wird allerdings zu einem Totalausfall für all diese Verführungskünstler. Der lässt sich nicht mehr als willfähriges Werkzeug zur Durchsetzung von deren Interessen benutzen.

MV: Welche Wege sehen Sie, Würde wieder in unserer Gesellschaft zu verankern? Was kann jeder einzelne von uns tun? Was können oder müssen wir als Gesellschaft tun?
GH: Ob ich all diesen Versuchungen und Verführungen zu widerstehen imstande bin und mich deshalb nicht von anderen Personen als Objekt von deren Absichten und Zielen, Belehrungen und Bewertungen, Maßnahmen und Anordnungen benutzen lasse, hängt davon ab, was mir im Leben wichtiger ist: Deren Anerkennung und deren Belohnungen zu bekommen oder mir selbst treu zu bleiben und meine eigenen Würde zu bewahren. Allerdings kommen wir ja nicht schon mit einer Vorstellung und einem Bewusstsein unserer eigenen Würde zur Welt. Um beides herauszubilden, müssten wir die Erfahrung machen können, dass wir so, wie wir sind, wertvoll, einzigartig und bedeutsam genug sind. Dass wir uns nicht anstrengen und die Erwartungen anderer erfüllen müssen, um von ihnen wertgeschätzt zu werden. Und das nicht erst als Erwachsene, sondern bereits als Kinder, zu Hause, in der Schule, im Sportverein, also überall, wo wir Mitglied einer menschlichen Gemeinschaft sind.

MV: Wie passen Würde und Business für Sie zusammen? Welche Aufgabe haben Unternehmen heute und in Zukunft?
GH: Seit es Unternehmertum gibt, gab es auch immer wieder einzelne weitsichtige Firmenchefs, die verstanden hatten, dass unterdrückte und ausgequetschte Mitarbeiter niemals imstande sind, hochwertige Arbeiten zu verrichten und wertvolle innovative Produkte herzustellen. Und es gab freilich auch genügend Unternehmer, denen der schnelle und maximale Profit wichtiger war als die langfristige Stabilität und Innovationskraft ihres Unternehmens. Ein Beispiel, das deutlich macht, wohin die Reise in Zukunft geht ist die Drogeriemarktkette „dm“. Ihr Marktkonkurrent „Schlecker“, der seine Mitarbeiter bis aufs Klo mit Überwachungskameras kontrolliert hat, ist längst pleite.

MV: Was hat Würde aus Ihrer Sicht mit Humanismus zu tun?
GH: Humanismus ist, wie Ethik und Moral, wieder nur ein Begriff, der von den Menschen unterschiedlicher Kulturen und zu unterschiedlichen Zeitepochen mit z. T. recht unterschiedlichen Wertvorstellungen gefüllt worden ist. Wer sagt uns denn, ob das, was wir gegenwärtig als „human“ bezeichnen, tatsächlich das hervorhebt, was uns von den Tieren unterscheidet und für unser Menschsein wirklich wesentlich ist? Und ob die uns nachfolgenden Generationen unser gegenwärtiges Treiben als „human“, also dem Menschen würdig betrachten werden.

MV: Sie sind in diesem Jahr zum ersten Mal auf der women&work. Worauf freuen Sie sich besonders?
GH: Ich war noch nie auf einer Veranstaltung, die Frauen für Frauen machen. Das muss ja anders ablaufen als wenn Männer eine Veranstaltung für Männer organisieren. Im Rahmen meiner Teilnahme an women@work einen Eindruck davon zu bekommen, was dieses Andere, vielleicht auch das Besondere daran ist, darauf freue ich mich sehr.

MV: Vielen Dank für dieses Interview.

 

Exklusiver Zutritt
120 Besucherinnen erhalten exklusiven Zutritt zum Backstage-Bereich. Eine Bewerbung für den Backstage-Bereich ist ab sofort bis zum 30. April möglich. Die Teilnahme ist kostenfrei. Weitere Informationen gibt es unter http://backstage.womenandwork.de

Kurzvita:
Gerald Hüther ist Biologe und war als Prof. für Neurobiologie in Forschung und Lehre an der Universität Göttingen tätig. Als Sachbuchautor und mit seinen Beiträgen in den Medien ist er zu einem bekannten Verbreiter neurowissenschaftlicher Erkenntnisse in der Öffentlichkeit geworden. Er ist Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung.
www.gerald-huether.de
www.akademiefuerpotentialentfaltung.de

Bücher:

  • Gerald Hüther: Co-crativity and Community. Vandenhoeck & Ruprecht 2017.
  • Gerald Hüther: Würde. Knaus 2018.
  • Gerald Hüther, Sven Ole Müller, Nicole Bauer: Wie Träume Wahr werden. Goldmann 2018.
  • Gerald Hüther: Co-creativity and Community. Vandenhoeck & Ruprecht 2017.
  • Gerald Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck und Ruprecht 2016.
  • Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte. Vandenhoeck und Ruprecht 2015.
  • Gerald Hüther: Männer. Das schwache Geschlecht und sein Gehirn. Vandenhoeck & Ruprecht 2009.
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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, dreifache Innovationspreisträgerin, ist seit 1998 passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte und preisgekrönte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas Leitmesse für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

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