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Interview mit Helma Sick: „Ein Mann ist keine #Altersvorsorge“

Ein Kommentar

Helma Sick

Helma Sick

Wir freuen uns sehr, heute eine ganz besondere Frau in unserem women&work-Blog vorstellen zu dürfen: Helma Sick ist Finanzberaterin für Frauen, die sich engagiert dafür einsetzt, dass Frauen auch im Alter auf eigenen Füßen stehen können. Wir haben Frau Sick im Rahmen der 25-Jahrfeier vom Verband berufstätiger Mütter als Keynote-Speakerin erlebt und waren begeistert. Nicht nur von ihrer Expertise, sondern auch von  ihrer Leidenschaft für ihren Beruf und die (finanziellen) Belange von Frauen. Im Interview wird sie erzählen, warum „ein Mann keine Altersvorsorge ist“.

NAME: Helma Sick
BERUF: Finanzberaterin für Frauen
Meine Webseite: www.frau-und-geld.com

Frau Sick, Sie sind Autorin vieler Finanzratgeber für Frauen. Ihr aktuelles Buch heißt etwas provokant „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“. Brauchen Frauen heute wirklich noch ein solches Buch?
Ja, leider! Wir haben zwar die bestausgebildetste Frauengeneration die es je gab. Und viele Frauen stehen auch finanziell auf eigenen Füßen. Aber es gibt leider immer noch viel zu Viele, die ein paar Jahre berufstätig sind, heiraten, Kinder bekommen und dann für viele Jahre aus dem Erwerbsleben verschwinden. Um Jahre später als Minijobberinnen oder Teilzeitbeschäftigte wieder aufzutauchen. Diese Frauen gehen ein existenzielles Risiko ein für den Fall, dass ihre Ehe scheitert und das ist immerhin in Großstädten bei jeder zweiten Ehe der Fall. Das Risiko ist deshalb existenziell, weil Frauen mit so einer Erwerbsbiografie häufig beruflich nicht mehr den Anschluss finden, wenn sie wieder einsteigen wollen. Und weil es – im Fall der Scheidung – seit 2008 ein neues Unterhaltsrecht gibt. Danach ist jeder der Partner materiell für sich verantwortlich. Unterhalt gibt es nur noch, wenn Kinder bis zum Alter von drei Jahren zu versorgen sind. Oder, in oft langwierigen Einzelfallentscheidungen, wenn sich eine Ehefrau in einer sehr langen Ehe auf ihre Absicherung durch den Mann verlassen hat. Völlig unverständlich ist, dass dieses gar nicht mehr so neue Unterhaltsrecht von denen, die es hauptsächlich betrifft, also den Frauen, kaum zur Kenntnis genommen wird. Deshalb muss heute der Lebensplan junger Frauen anders aussehen: Elternzeit möglichst mit dem Partner teilen. Staatliche Hilfe in Anspruch nehmen (Elterngeld, Elterngeld Plus) und möglichst bald über Teilzeit wieder zum  Vollzeitjob zurück finden.

Sie beraten seit vielen Jahren Frauen in Finanz- und Geldangelegenheiten. Können Sie uns zwei bis drei Beispiele von Frauen schildern, die sich nicht um ihre finanzielle (Alters-) Versorgung gekümmert haben? In welchen Situationen haben sie sich wiedergefunden?
Jede zweite Frau zwischen 50 und 60 erzählt das Gleiche: Der Ehemann hat eine (meist jüngere) Freundin, er will sich scheiden lassen. Die Ehefrau hat kaum gearbeitet, also kaum Rente. Über den Versorgungsausgleich bei der Scheidung erhält Sie zwar Anteil an seiner Rente, entsprechend der Dauer der Ehe. Und sie bekommt aus dem (hoffentlich) vorhandenen Vermögen den Zugewinnausgleich. Das heißt, das, was dem Vermögen während der Ehedauer „zugewachsen“ ist, wird geteilt. Eine Ehefrau ist also über die Scheidung nur dann abgesichert, wenn es sich um eine lang dauernde Ehe handelt, wenn die Rente des Ehemannes für zwei Personen reicht und wenn Vermögen da ist, von dem sie profitieren kann. Tatsache ist, dass Frauen nur dann „arm durch Scheidung“ sind, wenn sie während er Ehezeit nicht oder kaum erwerbstätig waren.

Was glauben Sie ist der Grund dafür, dass Frauen so leichtsinnig ihre finanzielle Sicherheit in die Hände ihrer (Ehe-)Männer legen?
Es ist halt vordergründig bequem, sich keine Gedanken über Altersvorsorge etc machen zu müssen. Und es ist auch bequem, sich in der Sicherheit zu wiegen, dass die eigene Ehe lebenslang hält. Dass es aber, wenn die Beziehung auseinander geht, höllisch unbequem werden kann, daran denken viele Frauen nicht. Aber nicht nur das, der Mann kann beispielsweise seinen Arbeitsplatz verlieren, er kann schwer erkranken. Das ist alles leichter zu ertragen, wenn das Familieneinkommen auf zwei Schultern ruht. Außerdem frage ich mich immer wieder: Was ist schön an Abhängigkeit? Warum ist es erstrebenswert, jemand anderem die Verantwortung für das eigene Leben zuzuschieben und nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass das heute vielfach nicht mehr funktioniert?

Sie haben einmal ausgerechnet, was eine Hausfrau den Staat und damit die Allgemeinheit kostet. Auf welche Summe sind Sie gekommen – und vor allem: wie setzt sich diese Summe zusammen?
Ich habe einen fiktiven Frauen-Lebenslauf genommen, der aber durchaus realistisch ist. Enthalten sind darin Kosten für das Studium, die Steuerentlastung durch das Ehegattensplitting, hochgerechnet auf 30 Jahre, beitragsfreie Mitversicherung einer Ehefrau in der Krankenkasse, ebenfalls auf 30 Jahre hoch gerechnet. Und dann noch die Witwenrente, für den statistisch wahrscheinlichen Fall, dass er vor ihr stirbt, hochgerechnet auf 25 Jahre restlicher Lebenszeit der Ehefrau. Das ergibt eine Summe von einer halben Million Euro pro Hausfrau – nur dafür, dass sie nicht erwerbstätig ist.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich Deutschland im Zeitalter des demografischen Wandels diesen Luxus noch lange leisten kann. Müsste und sollte hier die Politik nicht heute schon Anreize dafür schaffen, das Hausfrauendasein anders zu besteuern?
Es geht jedenfalls nicht – und ist in ganz Europa nicht der Fall – dass ein Ehepaar belohnt wird dafür, dass er Hauptverdiener und sie allenfalls Zuverdienerin ist. Das ist ja die Krux bei der staatlichen Familienförderung, dass einerseits die Nicht-Erwerbstätigkeit einer Ehefrau belohnt wird, andererseits aber der Gesetzgeber mit dem neuen Unterhaltsrecht verlangt, dass jeder nach dem Scheitern einer Ehe für sich selbst sorgen können muss. Diese sich widersprechenden Förderungen müssen aufhören. Gefördert gehören meiner Meinung nach ausschließlich Kinder, egal ob die Eltern verheiratet sind, in einer nicht-eheliche Lebensgemeinschaft zusammen sind oder ob es sich um Alleinerziehende handelt.

Was könnten und sollten Unternehmen Ihrer Meinung tun, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern und damit den Frauen zusätzliche Anreize zu bieten, möglichst schnell wieder in den Beruf zurückzukehren?
Familienfreundliche Maßnahmen rentieren sich für Unternehmen! Weil die Fluktuation sinkt und damit Personalbeschaffungs- und Einarbeitungsskosten. Die Arbeitsplatz-Zufriedenheit steigt und damit die Quantität und Qualität der Arbeitsergebnisse. Das wären familienfreundliche Arbeitszeiten, Meetings, die nicht in die Abendstunden hinein dauern, Home office-Angebote, betriebliche Kontakte während der Elternzeit, Hilfestellung bei der Kinderbetreuung. Noch unüblich aber denkbar wären darüber hinaus Betriebs-Kindergärten, Wäsche- und Bügeldienst für die Familie, die Möglichkeit einen Menüteil aus der Kantine mit nach Hause zu nehmen und damit Zeit zu sparen.

Welche Tipps sollten Frauen unbedingt beachten, wenn es um ihre finanzielle Absicherung geht?
Aus all dem ist deutlich, dass Frauen sich möglichst die Elternzeit mit ihrem Partner teilen sollten. Dann müsste keiner der beiden zu lange aus dem Beruf aussteigen. Und dass sie dann über vorübergehende Teilzeit möglichst bald wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren sollten. Ist trotz der Risiken eine traditionelle Ehe gewünscht, muss über einen Ehevertrag vereinbart werden, dass die Ehefrau längere Zeit Unterhalt bekommt, sollte die Ehe scheitern. Frauen sollten, wenn sie sich wegen ihres Kindes vorübergehend aus dem Berufsleben zurückziehen, nicht ihren Sparplan für die Altersvorsorge stilllegen. Leider machen das sehr viele junge Frauen.  Vielmehr sollten sie mit  ihrem Partner über einen Ausgleich für die fehlenden Renteneinzahlungen sprechen. Denn er hat diese Auszeiten ja in der Regel nicht, zahlt weiter in die gesetzliche Rentenversicherung ein, hat oft noch eine Betriebsrente und private Sparpläne. Die Basis für Altersvorsorge ist die gesetzliche Rente. Darüber hinaus ist die Riester-Rente ein ideales Angebot für Frauen, weil der finanzielle Beitrag sich den unterschiedlichen Erwerbszeiten anpasst. So muss eine Frau während der Elternzeit nur 5 Euro im Monat einzahlen und erhält trotzdem die staatlichen Zulagen. Darüber hinaus sind Fonds in jeder Lebenssituation eine interessante Geldanlage.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen ein Schlagwort und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Beruf: Ist Teilhabe am sozialen Leben, bringt Kontakte, geistige Anregung und – vor allem – eigenes Geld und damit eigene Absicherung im Alter, also lebenslange Unabhängigkeit.
  • Karriere: Frauen sollten, ebenso wie Männer, alle Chancen haben, um ihre Talente nutzen zu können.
  • Frauenquote: Unbedingt, eine freiwillige Verpflichtung der Arbeitgeber hat nichts gebracht.
  • Geld: Im positiven Sinne steht Geld für Hoffnungen und Wünsche, für das Gefühl von Sicherheit und Selbstwert und für Freiheit. Frauen sollten aus freien Stücken bei ihrem Partner bleiben und nicht aus wirtschaftlicher Not, wie das früher die Regel war.
  • Stereotype: Eine Frau, die mit Kindern arbeitet, ist eine Rabenmutter. Das denkt man nur noch in Deutschland!
  • Ich: wünsche ich mir, dass endlich alte Rollenbilder über Bord geworfen werden. Und dass alle gesellschaftlichen Kräfte zusammen arbeiten, um – wie auch in anderen Ländern – Beruf und Familie vereinbaren zu können.

Sick_neu

Helma Sick, Renate Schmidt

Ein Mann ist keine Altersvorsorge
Warum finanzielle Unabhängigkeit für Frauen so wichtig ist

ISBN: 978-3-466-34594-6

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Autor: Melanie Vogel - Futability®

Melanie Vogel, zweifache Innovationspreisträgerin, ist seit fast 20 Jahren passionierte Unternehmerin. Futability®, Innovation und Leadership sind ihre Kernthemen, die sie nicht nur als Dozentin an der Universität zu Köln unterrichtet, sondern auch in Vorträgen, Keynotes, Webinaren und Seminaren mit Unternehmern und Führungskräften teilt. Das von ihr entwickelte "Futability®-Konzept" ist ihre Antwort auf die VUCA-Welt – eine Welt dauerhafter und radikaler Veränderungen. Ihr mit dem NiBB Innovationspreis ausgezeichnetes Buch „Futability® - Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ ist im Februar 2016 erschienen und kann online bestellt werden unter www.futability.com. Ihr zweites Buch „Raus aus dem Mikromanagement“ ist seit Februar 2017 unter www.mikro.management erhältlich. Melanie Vogel ist außerdem Initiatorin der women&work, Europas größtem Messe-Kongress für Frauen, der 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ in der Kategorie Wirtschaft ausgezeichnet wurde. www.melanie-vogel.com

Ein Kommentar zu “Interview mit Helma Sick: „Ein Mann ist keine #Altersvorsorge“

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